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Tom Carlson – Liebe als Sorge füreinander

Kiri Dalena, Tungkung Langit, 2012, video, color, sound, 20’35’’, Courtesy: Kiri Dalena, Camera: John Javellana Curatorial's Note

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Tom Carlson – Liebe als Sorge füreinander

Während wir mit den Sorgen unseres geschäftigen Alltags beschäftigt sind, einem trüben Gemisch aus wirklich Dringlichem und zutiefst Trivialem...

Während wir mit den Sorgen unseres geschäftigen Alltags beschäftigt sind, einem trüben Gemisch aus wirklich Dringlichem und zutiefst Trivialem, vergessen wir oft die Dinge, die uns am meisten am Herzen liegen, und vernachlässigen sie daher auch. Dabei übersehen wir zugleich die viel grundlegendere Tatsache, dass wir ein solches Gefühl überhaupt haben, dass wir im Kern Creatures of Care sind, Geschöpfe, die der Sorge füreinander zuneigen und ihr entstammen. Weniger oft, aber für uns von großer Bedeutung, sind die Momente, in denen uns erst durch einen drohenden oder bereits erlittenen Verlust klar wird, was uns wirklich im tiefsten Innern wichtig ist und dass unser Leben ganz wesentlich von diesem Gefühl der Sorge um andere bestimmt und angetrieben wird. Ein guter Freund oder Mitmensch erkrankt schwer oder erlebt etwas zutiefst Ungerechtes; eine Pandemie legt die uns vertraute Welt und Lebensweise lahm; ein rechtmäßig gewählter Präsident untergräbt ohne Scham - oder auch nur einen Begriff von ihnen zu haben - die demokratischen Normen und Institutionen unserer Republik; oder (wie es vorkommen kann) all das auf einmal.

Solche Ereignisse können uns lehren, dass sich Care ihrem Wesen nach auf etwas bezieht, das Schaden erleiden und unwiderruflich vergehen kann. Es ist ein Gefühl, dass Sterbliche für andere Sterbliche und für die lebensnotwendigen, aber zerbrechlichen Dinge empfinden, denen wir unsere Welt verdanken, wie Werkzeuge, Institutionen, Ideale, Traditionen und Ökosysteme. Was leicht ersetzt werden kann (wie ein iPhone oder ein anderes Konsumgut, dessen Überflüssigkeit obszönerweise geplant ist), oder was vor Beschädigung sicher ist (wie ein unsterblicher Gott), bedarf weder unserer Sorge und Fürsorge, noch können wir sie in diesen Fällen überhaupt gewähren. Wer oder was auch immer absolute Sicherheit genießt - und sich damit in einem Zustand befindet, der zu den grundlegenden Fantasievorstellungen unserer techno-utopischen und auf Konsum ausgerichteten Kultur gehört - ist weder in der Lage, Care zu geben noch sie zu erhalten. Das ist eine existentielle Wahrheit, die in der Etymologie des Wortes angelegt ist: Sicher (secure) zu sein bedeutet, jenseits oder ohne (se-) Care (cura) zu sein.

Wenn Care also im Maße unserer Dankbarkeit zunimmt, findet sie einen besonders fruchtbaren Boden in der Demut.

Was können wir in diesen entscheidenden Momenten der Bewusstwerdung lernen? In diesen gefährlichen Zeiten der vielen Möglichkeiten? Wir können zu der immer wieder vergessenen, nie ganz begriffenen und daher immer wieder neu erlernbaren Einsicht gelangen, dass unser Leben und die Welt, in der es stattfindet, kostbare und unersetzliche Geschenke sind. Was hindert uns an dieser Einsicht? Einen Großteil der Zeit sind wir besorgt und abgelenkt, ängstlich, deprimiert oder verzweifelt, überwältigt und erschöpft. Was uns aber vielleicht noch stärker an dieser Einsicht hindert, ist die Arroganz, mit der wir Dinge für selbstverständlich erachten, und das als unser Eigentum betrachten oder einfordern, was in Wirklichkeit eine Gabe an uns ist – und was wir selbst niemals erschaffen, verdienen, besitzen oder beherrschen könnten. (Wie Emerson bemerkte, überwiegt die Gunst das Verdienst von unserem ersten Tag an.) Es stimmt, dass wir ein gewisses Maß an Sicherheit brauchen, um zu lernen, zu wachsen und zu gedeihen. Wenn wir uns aber zu behaglich fühlen, über alles die Kontrolle zu haben meinen, oder uns zu sicher fühlen, macht sich Arroganz breit, Care verkümmert, und wir werden unachtsam.

In der für sie konstitutiven Amnesie und Undankbarkeit nährt die Arroganz die Unachtsamkeit, da sie uns für die lebenswichtigen Großzügigkeiten blind macht, die uns vorausgehen und die größer sind als wir. Und so macht sie uns blind für die harte, aber auch schöne Wahrheit, dass wir endlich und sterblich sind, radikal abhängig von diesen Großzügigkeiten und in dieser Abhängigkeit unausweichlich verletzlich.

Wenn Care also im Maße unserer Dankbarkeit zunimmt, findet sie einen besonders fruchtbaren Boden in der Demut. Ich bedarf der Demut, um einsehen und mich dazu bekennen zu können, dass ich kein autarkes und vollständig selbstbestimmtes, sondern ein relationales Wesen bin, Teil der unermesslich viel größeren Gesamtheit einer Welt, deren Angehörige ebenfalls relational, voneinander abhängig, endlich und daher der Care bedürftig sind. In demütiger Dankbarkeit für dieses eine sterbliche Leben erkennen wir an, dass wir nicht nur unausweichlich mit anderen Menschen – mit der Gesellschaft, Kultur, Geschichte, Tradition - verbunden sind, sondern auch mit der Natur und der Erde, in und auf der sie gedeihen und die sie prägen. Auch diese Wahrheit offenbart sich bereits in der Etymologie: in ihrer „Humilität“, wie Demut früher auch hieß, sind die sterblichen Menschen mit dem Humus verbunden, auf dem wir stehen und ohne den wir nicht leben können.

Wenn wir uns um unsere Mitmenschen und ihre Gesundheit sorgen, dann müssen wir uns, wollen wir uns menschlich verhalten, auch um die Erde und ihr Wohlergehen kümmern, anders als wir es gegenwärtig tun. Beides - die Menschheit und die Erde, die soziale und die natürliche Seite unseres Wesens - bleibt untrennbar miteinander verbunden, im Sinne einer Wahrheit, die das moderne Denken und die moderne Kultur massiv vernachlässigt haben. Mehrere hundert Jahre lang haben wir uns so verhalten, als ob unsere Gesellschaftsverträge - unsere Politik, unsere Wirtschaft und deren Gesetze - nicht unsere Bindung an die Natur als eine verkörperte Abhängigkeit radikal voraussetzen würden. Wir haben uns so verhalten, als könnten wir eine gesunde Gesellschaft und Kultur haben, deren politische Ökonomie auf der Ausbeutung, Verschmutzung und Zerstörung des Bodens und des Waldes beruht, von Feuchtgebieten und des Grundwassers, der Luft, die uns umgibt, des Klimas, in dem wir leben können. Die durch Digitalisierung und Virtualisierung zunehmende Abstraktion und Entkörperlichung unseres Lebens verstärken diese moderne Abkopplung von der materiellen und lebendigen Grundlage unseres menschlichen Seins noch weiter; sie verstärken unsere Unachtsamkeit, während sie gleichzeitig die Illusion von Sicherheit und Wohlergehen schaffen.

Das wirkliche Wohlergehen unserer Welt und derer, mit denen wir in ihr leben, setzt jedoch voraus, dass wir der langjährigen Unachtsamkeit Sorgsamkeit entgegensetzen - die achtsame Sorge um die Dinge mit der alleinigen Absicht ihres Wohlergehens. Ein anderes Wort, das diese Absicht benennt, ist Liebe. In der Vergangenheit wurde die Sünde lange als fehlende oder fehlgeleitete Liebe definiert. Und als eine Sünde kann man es durchaus sehen. Allerdings wirken die Sprache und Logik der Sünde oft moralistisch und heuchlerisch, so wie diejenigen, die sich ihrer am eifrigsten bedienen, allzu oft vom Wunsch getrieben zu sein scheinen, anderen Menschen Schuld zuzuweisen, in ihnen Selbsthass zu erzeugen und sie zu bestrafen. Unser Versagen, nicht genug oder richtig zu lieben, kann (und sollte manchmal) zwar an uns nagen, aber wir können und sollten von Beginn an auch an die Freuden appellieren, die gleichermaßen auf dem Spiel stehen. Denn es verhält sich nicht so, dass wir etwas einfach nur wegen des Genusses, den uns seine Schönheit, Güte und Wahrheit bereitet, lieben (was natürlich oft der Fall ist); unsere Liebe kann vielmehr selbst die Welt und die Menschen darin in ihrer wahren Schönheit und Güte erst voll erstrahlen lassen. Wer das Leben, die Gesundheit und die Gerechtigkeit liebt, wird aufgrund dieser Liebe und des unweigerlich mit ihr einhergehenden Kummers gegenwärtig zu leiden haben, was es auch nachvollziehbar macht, warum so viele Menschen vor der wahren Bürde der Deep Care, der tief empfundenen Sorge, zu fliehen versuchen (wie beispielsweise durch Shopping, Drogen oder soziale Medien). Doch kann auch die Liebe für Entlastung sorgen, indem sie die mit Care verbundenen Freuden verstärkt - die in der Liebe per definitionem immer mit Anderen geteilte sind. Wenn wir uns für diese Anderen Zeit nehmen, werden wir erkennen, dass zu ihnen nicht nur die Menschen gehören, mit denen wir gegenwärtig im lokalen und globalen Rahmen zusammenleben, sondern auch die Menschen vergangener Generationen, von denen wir abstammen, und zukünftiger Generationen, denen unsere Sorge bereits heute gilt.


Tom Carlson ist Gründungsdirektor des Humanities and Social Change Centers an der University of California, Santa Barbara

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