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Machen wir weiter: Wilhelm Krull erörtert „Wege und Irrwege aus der geschlossenen Gesellschaft“

„Da sind wir also.“ Mit diesem Satz beginnt Jean-Paul Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“, in dem die vier Protagonisten Garcin, Inès, Estelle und eine rätselhafte Gestalt, der Diener, sich in der Unterwelt wiederfinden. Sie wissen nicht, wie sie dort gelandet sind. Sie verstehen nicht, wie sie diesem Ort entkommen können. Ihre Situation scheint ihnen so unbegründet wie unausweichlich, Sartre zitiert mit dem Stück Heidegger, der diese Unausweichlichkeit des Daseins als „Geworfenheit“ bezeichnet hat. Im Lauf des Stückes versuchen Garcin, Inès und Estelle immer wieder, diese Hölle zu verlassen, scheitern aber und erkennen am Ende: Ihre Lage wird sich nicht ändern, sie werden eine Notgemeinschaft bleiben. Zufällig zusammengestellt, aufeinander angewiesen.

Mit seinem Text „Zurück zum Glück? - Wege und Irrwege aus der geschlossenen Gesellschaft“ bezieht Wilhelm Krull sich auf Sartres Stück. Der Text ist Teil einer Sammlung von wissenschaftlichen Beiträgen, die Bernd Kortmann und Günter Schulze unter dem Titel „Jenseits von Corona – Unsere Welt nach der Pandemie“ im September im transcript-Verlag veröffentlicht haben. Wilhelm Krull, Gründungsdirektor des THE NEW INSTITUTE, erläutert darin, wie sehr sich diese Welt „Jenseits von Corona“ unserer Prognosefähigkeit entzieht, wie dicht noch der „Nebel ungesicherten Wissens über das neuartige Virus ist“. Und er stellt die Frage: „Werden wir auf längere Sicht, vielleicht sogar jahrelang, mit dem Virus leben (und sterben) müssen?“ Wurden wir also in eine Situation geworfen, die unausweichlich bleibt? Bleiben wir, wo wir sind?

Krull denkt das nicht, sondern sucht in seinem Text nach Wegen aus der geschlossenen Gesellschaft, aus der Virus-Welt. „Doch statt Unsicherheit und Angst dominieren zu lassen (…), bietet gerade die Corona-Krise mit ihrem weitgehenden Außerkraftsetzen der üblichen Geschäftigkeit günstige Voraussetzungen für ein grundlegendes Nach-, Neu- und Umdenken“, schreibt er. Und versteht so Covid, diese kollektive Erfahrung der Verwundbarkeit, als Möglichkeit zum Aufbruch - ein Aufbruch, der womöglich ein lang vergessenes Gefühl wachgerufen hat: Denn als im März die Welt abbremste, war das nicht nur eine Radikalunterbrechung des Gewohnten - sondern auch die Erfahrung kollektiver politischer Selbstwirksamkeit. Wir stellten fest: Die Welt ist politisch steuerbar. Zumindest können wir sie anhalten, von einem Tag auf den anderen. Und vermutlich können wir sie auch wieder in Gang setzen

Und das ist bemerkenswert, haben wir doch als politische Akteure angesichts der Klimakrise und der entfesselten Finanzmärkte - auch und gerade nach der Finanzkrise von 2008 - vor allem regulatorische Ohnmachtserfahrungen gemacht. „Es geschieht gerade etwas, von dem wir immer gesagt haben: Das geht nicht“, so fasste es der Systemtheoretiker Armin Nassehi zu Beginn der Pandemie im „Spiegel“ zusammen. Krulls Gedanken knüpfen daran an, wenn er schreibt: „Es gilt mehr denn je, den Mut aufzubringen, Herausforderungen (…) klar zu benennen, damit frühzeitig nachhaltig wirksame Gestaltungsstrategien im Sinne des Allgemeinwohls entwickelt werden können.“

„Also - machen wir weiter“, das ist der letzte Satz in Sartres Stück. Und es bleibt offen, ob er Resignation oder Hoffnung ausdrückt. Für Krull wäre es wohl Letzteres.



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