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Geoff Mulgan – Unsere Aufgabe

Kiri Dalena, Tungkung Langit (filmstill), 2012, video, color, sound, Camera: John Javellana. Courtesy of the artist. Curatorial's Note

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Geoff Mulgan – Unsere Aufgabe

Mut ist eine der klassischen Tugenden. Mut ist aber auch eine heikle Tugend: Mut kann leicht in Torheit oder Hybris umschlagen.

Mut ist eine der klassischen Tugenden. Mut ist aber auch eine heikle Tugend: Mut kann leicht in Torheit oder Hybris umschlagen. Und doch braucht jede Gemeinschaft zumindest ein paar Menschen, die mutig sind, und zwar nicht nur in einem martialischen Sinn. Wenn sich alle angepasst verhalten, den Kopf einziehen und nicht bereit sind, ihre Karriere oder gesellschaftliche Stellung zu riskieren, wird Fortschritt sehr unwahrscheinlich.

Gegenwärtig, in diesen seltsamen Zeiten, haben wir besonders viel Mut nötig. Unsere Gegenwart ist meiner Ansicht nach durch ein Paradox gekennzeichnet: zum einen ging es uns nie besser, was Wohlstand, Gesundheit, Bildung und Freiheit betrifft. Diese Sichtweise, die in Mengen von Bestsellern vertreten wird, führt bei vielen klugen Menschen zu behaglicher Selbstzufriedenheit und dem Gegenteil von mutigem Verhalten. Die entgegengesetzte Sichtweise sieht die Welt auf die Apokalypse zusteuern: Klimakatastrophe, Massenaussterben, die Ablösung des Menschen durch Roboter und der Verfall der Demokratie. Manche Menschen sehen das als Ansporn zum Handeln. Viele andere verfallen dagegen in heillosen Fatalismus: Wenn diese Kräfte wirklich so übermächtig sind, welche Chance habe ich dann als Einzelner, etwas zu verändern? Und so besteht auch hier die Gefahr, dass der Mut schwindet.

Es nützt nichts, mutige Ideen zu haben, wenn man nicht bereit ist, sie auszuprobieren. Handeln bedeutet, dass man Feedback von der Realität bekommt.

Welche Formen von Mut brauchen wir also gegenwärtig? Drei scheinen mir besonders wichtig. Die erste Form ist der Mut, sich unbequemen Tatsachen zu stellen und sie auszusprechen. Der Klimawandel ist ein naheliegendes Beispiel. Wir können so tun, als ob es ein Einfaches wäre, unser Leben und die Industrie zu verändern und die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem wir mit ein paar klugen politischen Maßnahmen oder ein wenig cleverer Technologie die Dinge in Ordnung bringen - hier eine neue Kohlendioxidsteuer, dort effizientere Lieferketten. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass dem so ist. Deutlich wahrscheinlicher ist, dass wir unsere Lebensweise ganz grundlegend ändern müssen - und Dinge aufgeben, an denen wir sehr hängen, vom Fleischverzehr bis zum Flugverkehr.

Eine zweite Form ist der Mut, Ideen voranzutreiben und bereit zu sein, andere gegen sich aufzubringen. Alle wirklich nützlichen Ideen sind aggressiv und stellen bestehende Normen und Statussysteme infrage. In vielen Bereichen herrscht heute jedoch ein erdrückender Konformismus vor. So auch in der Wirtschaft: selbst die vermeintlichen Ketzer wagen es nicht, die heiligen Kühe anzutasten. Zu viele Progressive verhalten sich ebenfalls konformistisch und ängstlich - in der Hoffnung, dass ein bisschen allgemeines Grundeinkommen hier, Kreislaufwirtschaft dort oder eine kürzere Arbeitswoche schon ausreichen werden. Das sind per se nicht unbedingt schlechte Ideen. Nur sind sie bereits sehr alt und zeugen von einem dramatischen Verlust an Neugier und Fantasie.

Eine dritte Form ist der Mut zum Risiko - es nützt nichts, mutige Ideen zu haben, wenn man nicht bereit ist, sie auszuprobieren, was aber mit Risiken verbunden ist. Handeln bedeutet, dass man Feedback von der Realität bekommt. Viele Leute an den Universitäten ziehen sich jedoch auf die Position beruhigter Opposition und Kritik zurück, eine Haltung, die das Risiko der Widerlegung von vornherein vermeidet. Daher bewundere ich die sozialen Unternehmer und Innovatoren und Start-ups, die bereit sind, im Namen von etwas Größerem als uns selbst über den Abgrund zu springen. Es mag eitel oder sogar wahnhaft sein, die Probleme der Welt lösen zu wollen. Es ist aber deutlich wahrscheinlicher, dass wir aufgrund des Mangels an Mut scheitern als aufgrund seines Übermaßes.

Eine vierte Form ist der Mut im Umgang mit Gegenstimmen. Niemand kann sich sicher sein, dass seine Ideen richtig sind. Wir sollten daher immer offen sein für Widerspruch, und deshalb glaube ich auch, dass man immer seine schärfsten Kritiker aufsuchen sollte, da diese oft am besten weiterhelfen können, und deshalb glaube ich ferner, dass man sich mit seinen Feinden auseinandersetzen und von ihnen lernen sollte. Die Sicherheit der eigenen Filterblase voller Leute, die so denken wie man selbst, führt zu Stagnation, während Kreativität oft dann entsteht, wenn man sich zu einer neuen Sicht auf die Welt gezwungen sieht.

Im Umgang mit gewaltigen, historisch beispiellosen Aufgaben ist die größte Gefahr, dass wir ihnen nicht mit genügend Ehrgeiz, Weite und Großzügigkeit im Denken begegnen; dass wir in unseren sicheren Räumen, unseren gegenseitig bestätigten Ansichten, unseren gängigen Meinungen feststecken bleiben. Es ist eine Zeit, in der wir uns alle ein wenig dem Schwindelgefühl aussetzen sollten und dabei vielleicht entdecken, dass wir mutiger sind, als wir denken.


Geoff Mulgan ist Senior Advisor des THE NEW INSTITUTE.

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