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PHOTO BY © HENRIK SORENSEN

Was ist die Verantwortung der Forschung in Zeiten größtmöglicher Verunsicherung?

In gegenwärtigen Gesellschaften können wir eine wachsende Spannung beobachten, wenn es um das Verhältnis zwischen Bürgern und Experten geht. Einerseits ist die Öffentlichkeit mehr und mehr auf verschiedene Formen von Fachwissen angewiesen, um drängende Probleme - wie den vom Menschen verursachten Klimawandel oder den Verlust der Artenvielfalt - anzugehen. Auf der anderen Seite gibt es berechtigte Sorgen über Interessenkonflikte bei der Verbreitung neuen Wissens; Forscher sehen sich nicht nur von Populisten angegriffen, sondern auch von jenen, die zu Recht die blinden Flecken traditioneller Formen von Expertise kritisieren.

Die Rolle der Experten in der Gesellschaft muss daher dringend überdacht und neu gestaltet werden. Wie weitreichend sind ihre Verantwortlichkeiten, wenn es um die Information der Bürger und die Interaktion mit ihnen geht? Was ist ihre Rolle gegenüber der Politik? Und wie unterscheidet sich die institutionelle Verantwortung von individueller Verantwortung, wenn es darum geht, Gewissheiten in solch ungewissen Zeiten zu erreichen?

Der vom THE NEW INSTITUTE in Zusammenarbeit mit Lisa Herzog organisierte Workshop „Research & Responsibility” beschäftigte sich mit der Frage, welche Verantwortung Wissenschaft in Zeiten radikalen Wandels trägt. Und wo ihre Grenzen liegen. Dazu kamen am 22. und 23. Oktober Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen virtuell zusammen und verbanden Ansichten und Impulse aus angewandter Ethik, Neurowissenschaften, Virologie und weiteren Disziplinen.

„In der gegenwärtigen Situation ist es unsere Verantwortung, Forschungsergebnisse zu produzieren, die von der Gesellschaft verstanden werden", sagte Christian Drosten, Virologe und seit 2017 Lehrstuhlinhaber an der Charité Berlin. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Drosten im Zuge der Covid-Pandemie bekannt, unter anderem durch den NDR-Podcast Coronavirus-Update (https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html). In der Berichterstattung zur Pandemie gehört er zu den in Deutschland am häufigsten erwähnten Wissenschaftlern. „Wenn wir Politiker beraten, wie sie mit der Pandemie umgehen sollen, ist es zudem unsere Aufgabe, Ratschläge und Meinungen nicht zu vermischen - wir mögen alle unsere persönlichen Ansichten haben, aber müssen diese auslassen, wenn wir mit Politikern sprechen. Wichtig dabei ist auch, dass wir die Grenzen unseres Wissens definieren und klar kommunizieren.“

Wolf Singer, Professor der Neurophysiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bekräftigte diesen Punkt und erklärte, dass "alle wissenschaftlichen Erkenntnisse vorläufig sind und dass es prinzipielle Grenzen gibt, um die Zukunft vorherzusagen". Er kam zu dem Schluss, dass es die Verantwortung der Forschung sei, die ihr innewohnenden und unvermeidbaren Rätsel auszuhalten. Jede neue Erkenntnis wirft neue Fragen auf. Und Forschung produziert mit ziemlicher Sicherheit Unsicherheiten: „Wenn wir an einer rationalen, evidenzbasierten Forschung festhalten wollen, müssen wir lernen, diese Unsicherheit zu ertragen“, so Singer.

Anna Alexandrova, die an der Universität Cambridge zur Philosophie der Sozialwissenschaften forscht und mit Unterstützung der Humanities and Social Change International Foundation das Thema „Expertise Under Pressure“ untersucht (http://www.crassh.cam.ac.uk/programmes/expertise-under-pressure), betonte die Bedeutsamkeit angewandter Forschung: "Wenn es eine Verantwortung gibt, die Sozialwissenschaftler und insbesondere Ökonomen haben, dann ist es die, Dinge zu messen, auf die es ankommt.“ Alexandrova argumentierte, dass Forscher aussagekräftige Messungen von well-being definieren müssen, idealerweise indem sie Messungen zusammen mit den beteiligten Stakeholdern entwickeln. Sie schlussfolgerte, dass eine verantwortungsvolle Gestaltung von Forschung sich vor allem an einem orientieren müsse – den Wünschen und Besonderheiten der Gesellschaft.

Die im Workshop "Research & Responsibility" gewonnenen Erkenntnisse werden in die Forschungsagenda des THE NEW INSTITUTE einfließen und auch das Programmdesign von THE NEW INSTITUTE prägen.

Neben Christian Drosten, Wolf Singer und Anna Alexandrova, nahmen folgende Wissenschaftler*innen am „Research & Responsibility”-Workshop teil: Song Wook Yi, Hanyang University (Korea); Maria Paula Meneses, Universidade de Coimbra (Portugal); Heather Douglas, Michigan State University (USA); Charbel El Hani, Universidade Federal da Bahia (Brasilien); Alex Broadbent, University of Johannesburg (Südafrika); Geert Keil, Humboldt-Universität zu Berlin; Lutz Kipp, Universität Kiel; Bernd Engler, Universität Tübingen; Heyo Krömer, Charité Berlin

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