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FOTO VON LORENZO VITTURI

Lorenzo Vitturi, Hairy Orange, yellow balloons and rotten camote #2, 2013, Giclee print on Hahnemühle bamboo paper

© Lorenzo Vitturi, courtesy of Flowers Gallery

Die fleischliche Vernunft: Corine Pelluchon’s Philosophie des Körpers

Was ändert sich in Ethik und Politik, wenn wir in unserem Denken vom Körper statt vom Geist ausgehen? Und wenn wir unsere Existenz nicht nur im Licht ihres Entwurfs betrachten, sondern ihre Materialität voranstellen?

In ihrem Buch „Wovon wir leben”, das im September im wbg-Verlag erschienen ist, entwickelt Corine Pelluchon eine Ethik, die darauf besteht, dass der Mensch zunächst ein Körper unter Körpern ist, beziehungsreich, sinnlich begabt, verletzlich. Dass menschliche Existenz nie schlichtes Dasein ist, sondern immer ein In-der-Welt-Sein. Und dass dieses Verständnis eine Lücke schließt, die viele Theorien der Freiheit hinterlassen haben: die Pflichten des Menschen gegenüber anderen Lebewesen, Menschen oder nicht, bereits geboren oder nicht.

Pelluchon – die an der Université Gustave Eiffel (Marne-la-Vallée) Moralphilosophie lehrt und von Herbst 2021 an Fellow des THE NEW INSTITUTE sein wird, wo sie das Programm “The Foundations of Value and Values” mitgestaltet – skizziert in ihrem Buch eine Existenzphilosophie des “Lebens von und mit” und erweitert so den Bezugsrahmen angewandter Ethik. Nicht das atomisierte, körperlose Subjekt ist Ausgangspunkt ihrer Gedanken, sondern die grundsätzliche Verwobenheit “unserer fleischlichen und irdischen Beschaffenheit”.

Pelluchons Ethik drückt aus, dass Menschsein im Kern bedeutet, Teil einer Abhängigkeitsgemeinschaft zu sein, eines Kollektivs der Lebewesen, das lebt, weil es erhält, wovon es lebt. Ihre Formulierung des “Lebens von und mit” bezeichnet die Notwendigkeit, fühlenden Anderen, menschlichen wie nichtmenschlichen, gegenwärtigen wie zukünftigen, Platz in der eigenen Existenz einzuräumen: “Eine Philosophie des ‘Lebens von’ verbindet Existenz und Ökologie und denkt diese als die Weisheit, die Erde zu bewohnen.”

In Zeiten, in denen sich der Menschheit das große Andere, die Natur, so deutlich wie nie verweigert, ist Pelluchons Satz so offensichtlich wie grundlegend. Monströse Tornados, brütend heiße Sommer, verheerende Überschwemmungen – die Natur spielt nicht mehr mit, sie streikt. Sie ist nicht mehr die unberührte, zeitlose Bühne, auf der die Zivilisation ihre Fortschritts-Geschichte aufbaut, im Gegenteil: Sie konfrontiert die grenzenlose Welt mit deren Endlichkeit.

“Fragt man danach, wovon wir leben, so ist es nicht mehr sinnvoll, das ökologische Ende der Welt und den leeren Geldbeutel zum Monatsende, den Humanismus und den Tierschutz in einen Gegensatz zueinander zu bringen”, schreibt Pelluchon. Denn diese scheinbaren Dualismen bestehen nur so lange, wie die Freiheit, die man für das eigene Leben beansprucht, blind ist für die Abhängigkeit von ihrer eigenen Grundlage: Zu erhalten, wovon man lebt.

Es ist Pelluchons Utopie, dass wir diese Dualismen hinter uns lassen; das Gegenteil, der Status Quo, so ihre Schlussfolgerung, führt uns in eine dunkle Zukunft.

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