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Martin Hägglunds radikale Diesseitigkeit: “Freiheit ist unmöglich im Kapitalismus”

Welche Bedeutung hat der Tod? Oder, wie es in der Philosophie heißt: die Endlichkeit? Wenn das Leben also ein Ende hat - ist das nicht die ultimative Begrenzung unseres Lebens, das Gegenteil von Freiheit? Nein, sagt Martin Hägglund in seinem Buch “This Life”: Die Tatsache, dass wir sterben werden, ist die Grundlage für unsere Freiheit.

Diese und andere Fragen von Hägglunds viel diskutiertem Buch waren Thema des Gesprächs, das Georg Diez, Chefredakteur von THE NEW INSTITUTE, und Karin Pettersson, Feuilleton-Leiterin der schwedischen Zeitung “Aftonbladet“, mit dem Philosophen führten – als Start ihres Podcasts "The New World", eine Zusammenarbeit von „Aftonbladet“ und dem Institute for Future Studies in Stockholm. Ziel ist es, neue Ideen für die alte Debatte über eine bessere Zukunft zu finden.

Hägglund, Anfang 40, Schwede, Professor für Literatur in Yale, ist in vielem der Philosoph, den man jetzt lesen sollte - er entwirft einen positiven Existentialismus und erweitert sein Konzept von Freiheit zu einer politischen Philosophie, die den Kapitalismus selbst in Frage stellt. Oder klarer formuliert: Es gibt keine Freiheit im Kapitalismus.

Hägglund führt in “This Life” – und das ist vielleicht einer der Gründe für den Erfolg des Buches – zu dieser möglicherweise kontroversen Schlussfolgerung durch eine Reihe von wenig ideologischen und genauen Interpretationen verschiedener Autoren, von Augustinus bis Kierkegaard, von Adorno bis Knausgard – er untersucht, wie Endlichkeit sich zu, wie Hägglund es nennt, “säkularem Glauben” und “spiritueller Freiheit” verhält.

Was Hägglund damit meint und was das intellektuelle Projekt von “This Life” ist: Er will den strikt rationalen Blick auf das Leben und damit verbunden die Vorstellung von Politik hinterfragen – und die Möglichkeit individuellen Handelns mit einer kollektiven Verantwortung verbinden. Eine spirituelle Dimension, die den Atheismus mit der Akzeptanz des Todes vereint.

Es hat eine gewisse Leichtigkeit, wie Hägglund den Tod in seine Argumentation einbaut – seine Interpretation einiger Schlüsseltexte von Karl Marx beschreibt ein Denken der radikalen Freiheit, die nur jenseits des Kapitalismus möglich ist; die Frage ist, was diese Lesart von Marx für konkrete Gegenwartspolitik bedeutet – und was für politische Institutionen notwendig sind, die dieser Freiheit ihren Raum geben.

Wir stehen an einer Weggabelung, so viel scheint klar. Die Klimakatastrophe hat das Denken über Endlichkeit wieder ins Zentrum der politischen Debatte gebracht und die Kritik am Kapitalismus angereichert. Martin Hägglund, der sein Seminar am Humanities and Social Change Center in Santa Barbara Anfang des Jahres wegen des Corona-Virus absagen musste, bietet einige provokative Denkanstöße, zwischen Atheismus und Marxismus. Sein Buch “This Life” könnte ein Klassiker für unsere Zeit sein.

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