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Rahel Jaeggi – Versprich es mir

Lin May Saeed, Liberation of Animals from their Cages IV, 2008. Courtesy of the artist. Read Curatorial's Note

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Rahel Jaeggi – Versprich es mir

Der Begriff „commitment“ hat im Deutschen keine direkte Entsprechung: Engagement, Verbundenheit, Solidarität, so könnte man es übersetzen.

Der Begriff „commitment“ hat im Deutschen keine direkte Entsprechung: Engagement, Verbundenheit, Solidarität, so könnte man es übersetzen. Aber was bedeutet es, „committed“ zu sein? Welche Art von Beziehung ist das „commitment“ und was handelt man sich damit ein? „Commitment“ kann man einer Person, aber auch einer Sache, einer Idee oder einer Institution gegenüber aufbringen. „Committed“ zu sein, bedeutet irgendetwas zwischen Treue und Loyalität, Verpflichtung und Verbundenheit, Solidarität und Hingabe. Wenn man „committed“ ist, legt man sich auf etwas fest. Der Ausdruck „committed relationship“ bekundet den Entschluss, sein Leben miteinander exklusiv führen zu wollen, und ein finanzielles „commitment“ legt eine Investition fest. Was man tut, ist dann mehr als eine flüchtige Laune, es bestimmt, wer man ist und sein wird und unter welchen Bedingungen man zukünftig agiert.

Committed-Sein ist damit das Gegenteil von Indifferenz - einer Indifferenz, die sich durch nichts, nicht durch die Welt, nicht durch die anderen, affizieren lässt. Es bedeutet die Identifikation mit einer Sache und ist damit das Gegenteil der Haltung, die in der Welt bloß durch das rücksichtslose Verfolgen der eigenen Interessen verbunden ist. Damit erinnert „commitment“ an die Haltung des Engagements. Die „engagierte Intellektuelle“ beschreibt nicht nur die Gegenwart, sie versucht nicht nur zu verstehen, sondern zu verändern. „Committed“ ist diejenige, die nicht nur betrachtet, sondern eingreift. Die engagierte Intellektuelle ist eine, für die Theorie und Praxis immer schon eng miteinander verwoben sind: Politische Praxis ist dann ebenso die Vorbedingung für theoretische Reflexion wie diese umgekehrt neue Strategien und praktische Eingriffe motiviert und ermöglicht. Ein solches Vorgehen analysiert nicht nur, sondern ergreift Partei, ohne dabei in Parteilichkeit zu verharren.

„Commitment“ bedeutet dann füreinander und für eine Sache einzustehen, das Versprechen der Solidarität ernst zu nehmen.

Warum muss man so etwas wie „commitment“ betonen? Wenn man ein Projekt verfolgt, verfolgt man es eben. Wenn man an einer Sache interessiert ist, bleibt man dran. Wenn man seine Freundinnen oder Partnerinnen liebt, dann tut man alles um das Leben miteinander zu verbringen. Aber ein „commitment“ ist eben mehr als eine Zustandsbeschreibung, es ist ein Versprechen. „Committed“ zu sein bedeutet, dass man für etwas einsteht und etwas verfolgt, auch against all odds. Ein „commitment“ betrifft nicht nur das, was es schon gibt, sondern das, was es geben könnte oder sollte. In diesem Sinne ist es ein Anker in die Zukunft. Eine Bindung, die das, was man tut, leitet.

„Commitment“ bedeutet dann füreinander und für eine Sache einzustehen, das Versprechen der Solidarität ernst zu nehmen. Und wie bei der Solidarität handelt es sich hier nicht um ein Gefühl, sondern um eine Praxis. Diese Praxis kann sich in Institutionen manifestieren. Und die Institutionen sind umgekehrt Vorbedingung dafür, dass es eben diese Praxis geben kann. Es ist das Moment der Gründung und des Neuen, das hier aufscheint. Das, worauf ich mich „committe“, gibt es manchmal noch nicht - aber es tritt mit eben jenem Akt ins Leben.

Deshalb wäre es ein Missverständnis, „commitment“ als konservative Sekundärtugend zu verstehen. Mit dem „commitment“ zu einer Sache, einem Projekt erschafft man eine neue Realität, indem man auf die Probleme der bestehenden reagiert. THE NEW INSTITUTE - ein Institut, das nicht nur selbst als Institution neu ist, sondern das Neue, den gesellschaftlichen Wandel herbeiführen will, ist auf das „commitment“ aller Beteiligten angewiesen. Und es hat seine Existenzberechtigung darin, dass es sich selbst „committet“ - nicht zu bestehenden Gewissheiten und Institutionen, sondern auf das, was noch im Bereich des Möglichen und der Ungewissheit liegt. Ein „commitment“ als sich Festlegen auf eine offene Suchbewegung: Das klingt paradox. Es ist aber genau die Haltung, nach der die Krise unserer Gegenwart verlangt.


Rahel Jaeggi ist die Gründungsdirektorin des The Humanities and Social Change Center an der Humboldt-Universität zu Berlin

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