ESSAY | 22.12.2020

„Ja, am Ende ist es immer persönlich”: Eugen Baer über Covid und Trauer

Es sollte sich als eine der unvergesslichsten Sommerferien meines Lebens erweisen - ich fand mich liegend an einem sonnigen, malerischen Strand in Südfrankreich wieder; weggetragen, fast wie von Wellen, von den wehenden Gerüchen der provenzalischen Küstenküche; und umgeben von drei glücklichen Kindern, die im warmen Sand Meeresburgen bauten. Doch diese scheinbar so utopische Umgebung bildete, wenn auch beneidenswert, lediglich den Hintergrund dafür, was meine tägliche Flucht in Marcel Prousts Meisterwerk namens “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” werden würde. Bis heute ist der Einfluss spürbar, den Prousts wichtigstes Werk - nicht nur für seine Länge, sondern auch für die provokanten Themen bekannt - auf mein Denken über Erinnerung und Trauer hatte; und ich bereue, dass ich bis weit in meine Vierziger gewartet habe, um den Wälzer auf meine Sommerlektüreliste zu setzen.

Und seit jenem Sommer - und nach vielen Jahren, in denen ich Philosophie unterrichtete - habe ich erkannt, dass Leser und Leserinnen von Proust sich nicht durch alle sieben Bände schleppen müssen, um das heute nicht ganz so geheime Juwel zu entdecken, das von einer nicht ganz freiwilligen Erinnerung erzählt: dem Mandeleine-Effekt. Einfach gesagt: Als der Erzähler von Prousts Roman eines Tages ein französisches Gebäck namens “Madeleine” in eine Tasse Tee tunkt, wird er von lebhaften Erinnerungen an seine Kindheit übermannt. Die Geschichte besagt, dass der bloße Akt, das teegetränkte Biskuit zu schmecken oder zu riechen, nicht nur eine Kindheitserinnerung daran hervorholt, wie er mit seiner Tante ein Madeleine isst, es offenbart ihm auch andere Erinnerungen an sein Elternhaus und dessen Umgebung. Der Erzähler berichtet von dem Ereignis, es sei völlig unfreiwillig und so lebhaft, dass es sich jeglicher Realität, die er je erlebt hatte, widersetzt habe.

Proust wird zugeschrieben, er habe mit seinem Madeleine-Effekt den Ausdruck “unwillkürliche Erinnerung” geprägt, der in seiner einfachsten Form mit einem Erlebnis in Verbindung gebracht wird, in dem ein Geruch oder ein anderer Mechanismus unserer Sinne ein unfreiwilliges und hoch emotionales Wiedererleben von Ereignissen aus unserer Vergangenheit auslöst. Wenn doch nur jeder Trauerprozess in einer ähnlichen Art übermittelt werden könnte, sinnierte ich, als ich an jenem französischen Strand lag.

Trauer, wie wir sie kennen. Es gibt keinen größeren Verlust im Leben als den eines geliebten Menschen. Und obwohl verschiedenste psychologische Stufenmodelle der Trauer erfunden wurden, um Trauer zu verstehen, empfinde ich sie aufgrund der sehr subjektiven - oder persönlichen - Natur der Trauer oft als zu mechanisch. Grundlegend ausgedrückt ist Trauer für mich ein subjektiver Zustand von schmerzhaften Gefühlen und Gedanken, die sich manifestieren, wenn wir mit der dauerhaften Trennung oder dem Tod einer geliebten Person oder eines Objekts konfrontiert sind. Die Gefühle mögen bewusst oder unterbewusst sein. Sie mögen gemeinschaftlich ausgedrückt werden oder privat; aber in ihrem Kern geht Trauer um die Vollständigkeit des Verlustes im Verhältnis zum Objekt unserer Liebe.

Ich glaube, meine erste Begegnung mit der Trauer war der Tod von Zesi, meinem Kindheitshund und dem einzigen Haustier, das ich je besaß. Meine tiefe Beziehung mit Zesi und sein frühzeitiger Tod waren Erlebnisse, die tiefe Spuren in mir hinterlassen haben. Und die Art, in der Zesi gestorben ist, traumatisierte mich weiter, als ich erfuhr, dass unser unfreundlicher Nachbar, der Zesis Bellen nicht leiden konnte, ihm eine Wurst voller Gift verfüttert hatte. Ich sah hilflos dabei zu, wie Zesi mit dem ganzen Körper zitternd aufrecht dastand, bevor ich akzeptierte, dass er für immer weg war. Die dauerhafte Trennung von Zesi war eine Tortur, die ich noch vollständig zu verdrängen habe; und es gab Zeiten in meinem Leben, in denen meine Erinnerungen an Zesi an die Oberfläche gekommen sind, nachdem ich einen eigenen Madeleine-Moment erlebt hatte - der Anblick eines ähnlichen Hundes, ein Bellen, das Wedeln eines Schwanzes. Wenn ich völlig ehrlich wäre, müsste ich zugeben, dass mein einziger Trost war, dass ich mich geweigert habe, Zesi jemals zu ersetzen - wenn auch hauptsächlich unterbewusst. Ich habe nie wieder ein Haustier besessen.

Ein sehr seltsamer Aspekt der Trauer ist, dass nach einem endgültigen Verlust unser Bedürfnis zu trauern in jedem Moment zuschlagen kann und sich in einer Vielzahl von Arten ausdrückt. Zeichen der Trauer können schnell und problemlos auftauchen, während sie für andere verzögert erscheinen oder andererseits ein Leben lang unterdrückt werden. Zum Beispiel offenbarte Proust, dass er der Trauer um seine Großmutter bis Monate nach ihrem Tod keinen Ausdruck geben konnte. Der Schmerz, der mit der Trauer kommt, kann oft unvermittelt auftreten - er verfügt über seine eigene Zeitlichkeit und Realität. Es ist ebenso erstaunlich, dass sich der Schmerz dadurch Ausdruck verleihen kann, indem er sich der eigenen Wertvorstellungen der Welt als Ganzes annimmt.

Trauer als Kunst. Der Schmerz der Trauer wird oft mit der Vorstellungskraft in Verbindung gebracht und kann in vielerlei Kunstgattung ausgedrückt werden. Das mag der Grund sein, warum ein Schriftsteller wie Proust, der kein Psychologe war, so ergreifend von gefühlsgetriebenen Erfahrungen erzählen konnte. Theoretisch können viele Arten der Kunst uns helfen, Trauer auf der profundesten Ebene unserer Seele auszudrücken, und können auch manche der unverarbeiteten Gefühle heilen, die von Trauer und Verlust ausgelöst werden: Musik, Kino, Tanz, Literatur, Bildhauerei, Architektur und viele andere fallen mir ein. Bekannte Schriftsteller haben oft diesen persönlichen Aspekt der Trauer betont. Der Essayist Ralph Waldo Emerson beispielsweise bestand darauf, dass er an die moralische Natur des Universums glauben musste, um den Tod seiner ersten Frau Ellen betrauern zu können. Ihr Tod traf Emerson schwer, er besuchte jeden Tag ihr Grab, um Trost zu suchen. In sein Tagebuch schrieb Emerson: “Ich besuchte Ellens Grab und öffnete den Sarg.” („Journals and Miscellaneous Notebooks of Ralph Waldo Emerson“, Volume I., Seite 7) Der Schriftsteller John Updike suchte im Glauben an die persönliche Struktur des Universums Trost, um mit dem Tod und dem Sterben umzugehen. “Jeden Tag erwachen wir ein wenig verändert, und die Person, die wir gestern waren, ist tot. Also warum, könnte man sagen, soll man Angst vor dem Tod haben, wenn der Tod ständig zu uns kommt?” (John Updike, “Selbst-Bewusstsein”)

Woher also kommt diese Affinität zu Kunst und Ästhetik? Was erklärt die Vertrautheit zwischen Kunst und Trauer? Liegt es nicht daran, dass beide sehr in der unerklärbaren Tiefe der Vorstellungskraft verwurzelt sind? Die Trauer war Jahrhunderte lang Inspiration für die wichtigsten Kunstwerke. In vielerlei Hinsicht können die klassischen griechischen Erzählungen als Sagen der Trauer gelesen werden. In Homers „Illias“ beispielsweise tötet Achill Hektor aus Trauer um Patrokolos und wird dann selbst getötet. In Sophokles‘ Stück “Antigone” führt die Trauer der Protagonistin um ihren toten Bruder sie in ihr Verderbnis. Eines von Picassos bekanntesten Gemälden - “Guernica” - ist ein bewegendes Zeugnisse der Trauer um die Opfer des Krieges.

Seit dem letzten Jahrhundert ist die Menschheit gezeichnet von der verheerenden Trauer, die der Holocaust auslöst, der eine menschliche Tragödie geworden ist, die für immer in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt ist. Da ich in der Schweiz geboren bin, kann ich mich an die Aufnahme von geflüchteten Verwandten aus Deutschland während des Krieges erinnern. Ironischerweise war es eine glückliche Zeit für mich, denn ich fand mich umgeben von Cousins in meinem Alter. Das eröffnete mir die Möglichkeit, viele Erinnerungen zu erschaffen, die mir halfen langanhaltende Beziehungen zu pflegen. Erst nachdem der Krieg vorbei war, war ich in der Lage, seine Realität zu verstehen, was mir erlaubte, persönlich den Schrecken des Ganzen zu betrauern. Es gibt insbesondere eine Geschichte, die ich niemals vergessen werde. Sie handelt von dem Dichter Paul Clean, der 1920 in eine deutschsprachige jüdische Familie in Czernowitz in Rumänien (heute Ukraine) geboren wurde. Als er 18 Jahre alt wurde, schrieb er bereits Gedichte. Während des Kriegs wurden Celans Mutter und Vater von Nazi-Schergen erfordert, während er selbst es nur knapp schaffte zu entkommen.

Im Nachklang des Holocaust fühlte sich Celan, als hätte er alles verloren, was ihm etwas bedeutete, mit einer Ausnahme: seine Muttersprache. Also wurde es die deutsche Sprache, die ihm erlaubte, seine Trauer und seinen Verlust in der Dichtung auszudrücken. Für ihn war es der einzige Besitz, der den Krieg überlebt hatte. In den darauffolgenden Jahren zog Celan nach Paris und etablierte sich als eine prominente Figur der damaligen Literaturszene. Als er 1958 den Literaturpreis der Stadt Bremen erhielt, sprach er von seiner Sprache: “Erreichbar, nah und unverloren inmitten der Verluste blieb dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem.” Und während Celan sich nie von der lebenslangen Trauer um den Tod seiner Eltern erholen würde, verließ er sich doch auf seine deutsche Sprache, auch wenn sie eine Sprache des Exils war, um ihn zu trösten. Es gibt niemanden, der die Toten wieder aus der Asche auferstehen lassen kann; und es gibt niemanden, der diese Trauer heilen kann. In seinem Gedicht “Psalm” schreibt Celan:

“Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unseren Staub.
Niemand.”

Wie ist es möglich, dass Dichter und Dichterinnen in der Lage sind, die Realität des Verlustes zu erkennen und auszudrücken, und uns gleichzeitig dazu inspirieren, Wege zu suchen, Trost zu finden? Die große afro-amerikanische Dichterin und Memoirenschreiberin Maya Angelou sinnierte oft über Trauer und Verlust. In ihrem Gedicht “Wenn ich an den Tod denke” gibt sie zu, was viele von uns unglücklicherweise gelernt haben - dass der Verlust eines geliebten Menschen schmerzhafter ist, als den eigenen Tod zu konfrontieren:

“…Ich kann den Gedanken an mein eigenes Ende annehmen, 
aber ich akzeptiere den Tod von niemandem sonst.
Es ist unmöglich für mich, einen Freund oder Verwandten 
in dieses Land ohne Wiederkehr gehen zu lassen.
Unglaube wird mein engster Begleiter, 
und Wut begleitet ihn.
Ich beantworte die heroische Frage 'Tod, 
wo ist dein Stachel? ' mit 'Er ist hier 
in meinem Herzen und meinem Geist und meinen Erinnerungen’…”

Aus dem Bemühen herausm mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, scheint Angelou sich erst zu weigern, emotional die Realität zu akzeptieren, vielleicht weil sie glaubt, dass ihr Trotz auf irgendeine Art ihren geliebten Menschen zurückbringen könnte. Sie gibt jedoch zu, dass ihr Unglaube sich bald in Zorn verwandelt, was vielleicht den Beginn der Anerkennung des Verlustes bilden kann. Erst nachdem ihr Zorn schwindet, kehrt sich ihr Verlust nach innen, was ihr erlaubt, sich mit ihren Erinnerungen zu trösten.

Covid-Trauer. Trauer, so schmerzhaft sie sein mag, wird oft von begleitet von verschiedenen Unterstützungsnetzwerken, die uns helfen können, die schwersten Zeiten unseres Lebens zu überstehen. Manche dieser Netzwerke sind traditioneller oder sogar institutioneller Natur, etwa Nachlassregelungen oder das Erbrecht; Beerdigungsriten, Trauerfeiern und Begräbnisse; öffentliche Todesanzeigen; Lebensversicherungen; Sozialleistungen; das Verlesen des Testaments; durch den Tod ausgelöste Arbeitslosenleistungen etc. Glücklicherweise gibt es für viele von uns diese Art Leistungsansprüche in der Zeit, in der wir am tiefsten getroffen sind; viele andere haben dazu keinen Zugang.

Seit einem Jahr jedoch finden wir uns inmitten einer tödlichen globalen Pandemie wieder und es ist unmöglich, das menschliche Leid, das durch Krankheit und tragische Todesfälle ausgelöst wird, zu ignorieren. Während ich diesen Text verfasse, haben sich bereits über 90 Millionen Menschen mit dem neuartigen COVID-19-Virus angesteckt, was zu weltweit fast zwei Millionen Toten geführt hat. Als Resultat davon hat das schiere Ausmaß des Todes auf einzigartige Weise die Art kompliziert, wie wir trauern, nicht nur als Individuen und Familien, sondern auch als Gemeinschaften, Staaten und sogar Nationen.

Nach monatelangen Versuchen, das Virus zu bezwingen, werden unsere privaten und öffentlichen Räume mit Geschichten der Trauer und des Verlustes bombardiert, deren Wirkung wir sowohl persönlich wie auch emphatisch spüren. Und während so viele dieser Geschichten erzählt und gehört werden, realisieren wir, dass die Pandemie uns gezwungen hat, mit unseren großen Verlusten umzugehen, ohne dass wir Zugang zu den strukturellen Unterstützungen haben, die ich oben erwähnt habe, aber auch ohne die umso mehr notwendigen und grundlegenden Elemente des Trosts, auf die wir uns verlassen, um Trauer zu überwinden: etwa Umarmungen, eine Schulter, um sich auszuweinen, Händehalten, die fortschreitenden Zeichen des Todes zu sehen, Abschiedsrituale, letzte Worte, Familienzusammenkünfte, die Trauer anderer zu sehen, Gespräche am Totenbett, Gruppentherapie etc.

Wir sollten einen Moment innehalten, um mit Lesley Branch aus Essex in England mitzufühlen. Ihre Geschichte erschien in einem Artikel im “New Scientist” mit dem Titel: “Grief Over Covid-19 Deaths May Be Unusually Severe and Long-Lasting," (“Trauer über Covid-19-Todesfälle könnte ungewöhnliche schwer und langanhaltend sein”) von Alice Klein (8. Juli 2020). Ihre herzzerreißende Geschichte beschreibt detailliert die letzten Momente, die sie mit ihrem 67-jährigen Ehemann teilte:

“Er rief mich (aus dem Krankenhaus) an und ich konnte weniger als eine Minute lang mit ihm sprechen. Wir konnten uns sagen, dass wir uns lieben. Ich sagte ihm, dass alles in Ordnung sein würde und ich ihn in wenigen Tagen sehen würde. Seine letzten Worte waren: “Das hoffe ich und danke.”

“Ich wachte um 4 Uhr morgens auf und sah, dass ich eine Nachricht auf meiner Mailbox hatte. Es war die Krankenschwester, die sich um ihn kümmerte. Er starb, bevor sie mich anrufen konnten. Ich stand völlig unter Schock. Ich fühle mich so traurig und schuldig, dass ich mich nicht verabschieden konnte und nicht seine Hand halten konnte.

Uns wurde gesagt: Nur zehn Leute an der Gedenkfeier. Keine Kleider, in denen er beerdigt werden kann, oder irgendetwas, das wir in seinen Sarg legen können. Es war schwierig an Blumen zu kommen, weil vor Ort alles zu war.

Am Begräbnis war niemand außer der engsten Familie, und wir mussten weit auseinander sitzen.

Seit seinem Tod habe ich Schwierigkeiten zu schlafen. Niemand, um mich zu trösten, keine Schulter, um mich auszuweinen. Das ist keine natürliche Art zu trauern.”

Unglücklicherweise ist Lesleys Geschichte zum neuen Normalzustand geworden, wenn es darum geht, wie Menschen mit den dauerhaften Verlusten während dieser tödlichen Pandemie umgehen müssen. Wenn es eine Lektion gibt, die wir noch immer lernen, ist es die, dass zusätzlich zur Angst vor Ansteckung, Tod und Sterben, finanziellen Notlagen, Arbeitsplatzunsicherheit, Hunger und Obdachlosigkeit unser Gefühlsleben durch die ständige Beschäftigung mit COVID-19 großem Druck ausgesetzt ist. Die notwendigen sozialen Abstandsregeln wie die Begrenzung unsere sozialen Interaktionen, das Tragen von Gesichtsmasken, das gründlichen Händewaschen, die Desinfektion unserer Umgebung und die Vermeidung von Versammlung (inklusive religiöser Zusammenkünfte) werden schwer empfohlen oder sogar befohlen. Aber diese selben sozialen Abstandsregeln sind hauptsächliche Verursacher unserer Isolation und verschlimmern unsere Trauer.

Trotz all dieser Regeln wird von Krankenpflegerinnen und anderen systemrelevanten Arbeiterinnen verlangt, dass sie ihre Sicherheit aufs Spiel setzen, um sich um die Bedürfnisse und Leben derer zu kümmern, die noch mehr gefährdet sind. Mit jedem Tag, der vergeht, laufen insbesondere Gesundheitsfachkräfte Gefahr, ihr Leben zu verlieren oder das Wohlergehen ihrer Familien zu gefährden. Und was noch schlimmer ist: Diesen Pflegenden bleibt wenig Zeit, um mit ihrer eigenen Trauer umzugehen oder sie auszudrücken, als Ersatz für die geliebten Menschen der Sterbenden in einem Meer der letzten Momente gestrandet.

Zeichen der Hoffnung. Wie gehen wir von hier aus weiter? Ich werde mir nicht anmaßen, dass ich wüsste, wie man solch maßlose Trauer überwinden kann, oder gar eine neue Liste von Stufen vorschlagen, die ein Individuum durchlaufen sollte, um Trauer zu erkennen und auszudrücken, vom Verarbeiten ganz zu schweigen. Aber ich würde gerne etwas Hoffnung anbieten, wenn auch lediglich, damit wir glauben können, dass COVID-19 nicht das letzte Wort zur Trauer haben wird. Meine Hoffnung ist, dass wir lernen können, Trauerrituale zu entwickeln, die Trost spenden - nicht nur für unsere private Trauer, sondern im Nachgang dieser Pandemie auch auf unsere gesellschaftliche.

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass Trost und Heilungsrituale wirkungsvoller sind als Stufenmodelle, vor allem, da “normale” Trauermodelle, wie oben erwähnt, durch die Veränderungen, die das Virus verursacht, unmöglich geworden sind. Ich denke an Heilungsrituale als Anlässe, deren bloße Symbolik einen Teil des Schmerzes heilen soll, den der Tod eines geliebten Menschen verursacht. Die oben erwähnten Beispiele - Celan, Emerson, Updike und Angelou - beleuchten ihre eigenen Trostrituale, die sich um Trauer drehen.

Oft gibt es zusammen mit dem unermesslichen Schmerz des Verlusts auch eine profunde Desorientierung der Person, die von der Trauer getroffen wird. Sie kann eine existentielle Krise auslösen, wie sie es für den jungen Augustinus tat. In seinen “Bekenntnissen” schreibt er, dass sich sein ganzes Leben veränderte, nachdem er unerwartet einen Freund an den Tod verlor. Er berichtet, dass nicht nur seine Welt zerbrach, sondern er auch jeglichen Sinn dafür verlor, wer er selbst war. Um dem zu begegnen, fing er an, sich auf Heilungsrituale zu verlassen, eine Wendung nach innen, Lesen, religiöse Besinnung und - was am wichtigsten war - die Suche nach einem persönlichen Gott, der ihn vor dem unaufhaltbaren Fluss der Zeit retten konnte. Diese Art von Trostritual, die auf der Religion fußt, ist zeitlos, und ich erwarte, dass viele Opfer des Coronavirus in diesem Rahmen nach Erlösung vom Schmerz und von den vielen unbeantworteten Fragen gesucht haben.

Wie immer ist es wichtig anzumerken, dass Heilungsrituale in ihrer Vielfalt endlos sind, weil Trauer persönlich ist. Oft entstehen Rituale völlig spontan und unbewusst, während Menschen damit kämpfen, mit neuen Erinnerungen umzugehen, und lernen, ihre negativen Erinnerungen zu ignorieren, ohne ihre Lieben um sich zu haben.

Wenn es darum geht, Heilungsrituale zu erkunden, die eher gesellschaftlicher Natur sind, gibt es gerade Anzeichen, die Hoffnung wecken. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beispielsweise wies kürzlich darauf hin, dass eine nationale Gedenkfeier für die Toten und Trauernden angemessen sei - er gab öffentlich zu, dass der “Corona-Tod ein einsamer Tod” sei, nachdem er von anderen. Menschen erfahren hatte, wie schmerzhaft es ist, die Rituale des Abschieds von sterbenden Angehörigen aufgeben zu müssen.

Bereits vor der Pandemie verfügten viele Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen über hochentwickelte Protokolle zur Unterstützung von Trauernden. Aber seit dem Ausbruch des Virus und all dem Sterben, das es auslöste, haben diese Institutionen versucht, die Dienstleistungen auszubauen, die sie Trauernden anbieten. Die Trauer-Abteilung des Sheba Medical Center in Israel, dem größten Krankenhaus im Nahen Osten, ist ein Beispiel dafür. Als Antwort auf die Pandemie hat das Center eine isolierte Trauer-Abteilung geschaffen, wo Familien Abschied von Angehörigen nehmen können, die an COVID-19 gestorben sind, indem Familien ermöglicht wird, die Verstorbenen sicher durch ein großes Glasfenster zu sehen, ohne eine Ansteckung zu riskieren.

“Im Judentum und der ganzen Menschheit ist es Tradition, während der Trauer Abschied zu nehmen. In Zeiten von Corona (…) können die meisten Menschen nicht Abschied nehmen und können sich nicht (auf die Art) wie sie wollen verabschieden (…) manche wollen bloß den Ablauf sehen, andere wollen beten, manche wollen Abschiedsworte sagen, also haben wir den Trauer-Bereich auf sehr geschützte Art geschaffen, die den Familien trotzdem erlaubt, Abschied zu nehmen und selbst den Leichnam zu sehen.” - Yoel Hareven, Leiter des Sheba Medical Center („Newsweek”, 17.4.20)

Da Anlässe wie Beerdigungen und andere Familientraditionen vom Coronavirus verunmöglicht werden, können diese Art spontane Rituale einen Weg weisen, wie wir uns in Zukunft heilen werden. Andere Beispiele für ritual-artige Anlässe werden von Krankenhäusern auf der ganzen Welt und in verschiedensten kulturellen Kontexten organisiert, wo heldenhaftes Gesundheitspersonal und diejenigen, die am meisten von der Grausamkeit des Virus betroffen sind, Wege finden “zusammenzukommen”, um ihre Erinnerungen des Verlustes zu teilen. Schließlich sind diejenigen am meisten vom Virus betroffen, die ihre Angehörigen verloren haben, und jene, die damit beauftragt sind, sich um diese Angehörigen zu kümmern - Ärztinnen, Krankenpfleger und andere Gesundheitsberufe. Nicht nur gibt das Ritual den Überlebenden Gelegenheit, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Trauer zu teilen, es gibt den Pflegenden auch die Möglichkeit, von wertvollen Details vom Ende des Todes zu berichten, Nachrichten zu überbringen, Anteilnahme auszudrücken und Erkenntnisse zu vermitteln. Auch wenn der Umgang mit Trauer und Verlust eine hochgradig persönliche Angelegenheit ist, kann man doch viel davon lernen, wie andere sich ihren eigenen emotionalen oder körperlichen Bedürfnissen widmen oder sie ausdrücken, nachdem sie für immer von einem geliebten Menschen getrennt wurden. Die Heilungsrituale, die von Krankenhäusern angeboten werden, sind ein guter Anfang, damit das geschehen kann.

Im vergangenen Jahr habe ich immer und immer wieder den Ausspruch gehört “Erinnert euch, wir sind alle im selben Boot.” Und wenn es um die globale Pandemie geht, könnte dieser Schlachtruf nicht passender sein. Denken Sie darüber nach: Jedes Land auf Erden hat nun die geteilte Erfahrung - mit unterschiedlichem Erfolg -gemacht, mit Trauer und Verlust aller Art umzugehen.

Auf globaler oder nationaler Ebene sollten wir darüber nachdenken, noch breitere gemeinschaftliche Heilungsrituale zu entwickeln, sobald die Pandemie fast vollständig gezähmt und unterdrückt ist. Ein angemessener Rahmen könnte sein: “Was ist schiefgelaufen? Was können wir besser machen? Wie können wir in Zukunft die am meisten gefährdeten Teile der Gesellschaft schützen? Wie können wir besser zusammenkommen, um gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen? Sind wir bereit für die nächste Pandemie?” So viele Fragen sind noch offen.

Eine solch gewaltige Aufgabe erinnert mich an die vor über zwei Jahrzehnten etablierten Rituale der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission für die Opfer der Apartheid, aber auch für diejenigen, die tatsächlich Verbrechen begangen hatten. Der Prozess sollte die Kraft der Versöhnungsrituale zeigen, einen Trauerprozess für eine gebrochene Gesellschaft in Gang zu setzen. Sicherlich konnten solche Rituale nichts an den Gräueltaten der Apartheid ändern, aber sie haben den Opfern zum ersten Mal eine Gemeinschaft gegeben, die sich um ihre psychologischen Wunden kümmerte, gab ihnen zum ersten Mal eine Stimme, ein Forum der Anerkennung, eine Gelegenheit, ihre Geschichten zu erzählen. Menschen, die sich noch nie getroffen hatten, fanden eine Gemeinschaft, die Wandel antrieb. Das Ritual zeigte auch der Welt zum ersten Mal, dass sie, die Opfer, existierten und dass sie ein Dasein hatten, dass sie echt waren und das Leid offensichtlich war.

Ist es möglich, dass die Wahrheits- und Versöhnungskommission eine gesellschaftliche Blaupause bieten könnte, um die Trauer und den Verlust, die von Covid verursacht werden, anzusprechen? Um die Bedürfnisse der gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Zukunft besser zu adressieren, müssen wir diesen Menschen ein Forum geben, in dem sie sich ausdrücken können und in dem man helfen kann, Lösungen bereitzustellen. Ihre Geschichten müssen gehört werden und von lokalen Gemeinschaften und Regierungen gesammelt werden, das isolierte Leid muss sichtbar gemacht werden, sie müssen eine Gemeinschaft für ihren Trauerprozess finden, ihre Existenz und ihr Leid muss anerkannt werden.

Ja, schlussendlich ist Trauer immer persönlich. Rituale der Heilung können so einfache Formen annehmen wie das Schreiben; und Dichter und Dichterinnen, wie wir gesehen haben, können eine spezielle Rolle dabei spielen, wenn es darum geht, Trauer und Heilung in Worte zu fassen, weil Worte den Wert des Wesenskerns der einzigartigen Realität jeder Person bekräftigen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein passendes Gedicht von Maya Angelou mit auf den Weg geben: “When Great Trees Fall” (“Wenn große Bäume fallen”), das als Metapher für private Trauer dient. Hier teile ich mit Ihnen, was man als letzte Stufe von Angelous Trauer sehen könnte, die den Anschein erweckt, hoffnungsfroher zu sein. Das Gedicht bildet meine Gedanken ab, mit denen man den Tod und das Sterben annehmen kann - dass die bloße Anwesenheit der verlorenen geliebten Person in meinem Leben genug Trost bietet:

“. . .Und wenn große Seelen sterben,
blüht nach einer Weile der Frieden,
langsam und immer
unregelmäßig. Räume füllen sich
mit einer Art
beruhigender elektrischen Vibration.
Unsere Sinne, wiederhergestellt, niemals
gleich, flüstern uns zu.
Es gab sie. Es gab sie.
Wir können sein. Sein und
besser sein. Weil es sie gab.”


Eugen Baer ist Senior Fellow am THE NEW INSTITUTE

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