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Corine Pelluchon – Die Fähigkeit, Furcht zu empfinden

Akinbode Akinbiyi, Lagos Island, Lagos, 2004, from the series Lagos: All Roads. Courtesy of the artist. Curatorial's Note

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Corine Pelluchon – Die Fähigkeit, Furcht zu empfinden

Warum ist Mut eine zentrale Tugend, insbesondere im Zusammenhang mit den ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?

Warum ist Mut eine zentrale Tugend, insbesondere im Zusammenhang mit den ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts? Warum ist Mut notwendig, um mit den Bedrohungen umzugehen, vor denen wir stehen, und auf der individuellen Ebene konkrete Veränderungen unserer Lebensweise und Konsumgewohnheiten mit ihren Auswirkungen auf globaler Ebene herbeizuführen, was auch strukturelle Veränderungen unserer Produktionsweisen und der Wirtschaft bedeutet?

Um die Frage beantworten zu können, müssen wir verstehen, dass Mut ein Bewusstsein für Gefahren voraussetzt und das Gefühl der Furcht nicht ausschließt. Ein mutiger Mensch läuft nicht weg. Er sieht auch keinen Ausweg im Verleugnen. Zudem macht uns die richtige Einschätzung von Risiken unsere Grenzen klar und verhindert übermäßiges Vertrauen. Mut liegt daher in der Mitte zwischen den beiden Untugenden der Unbesonnenheit und der Feigheit. Dass Mut auf einem Urteilsvermögen beruht, zu dem auch Selbstkenntnis gehört, unterstreicht die Verbindung zwischen den intellektuellen Tugenden der Weisheit und Klugheit und der moralischen Tugend des Mutes, wozu moralische Stärke und Ausdauer gehören. Das verdeutlicht auch die Verbindung von Mut und Demut. Mut ist daher ein Ausdruck unserer Fähigkeit, Furcht zu empfinden, aus ihr zu lernen und sie zu überwinden, um im Hier und Jetzt handeln und einer Gefahr entgegenzutreten zu können.

Die Frage lautet nicht nur: Was brauche ich, um mich zu entfalten und ein gutes Leben führen zu können? Sondern auch: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Mut ist ein natürlicher Verbündeter der ökologischen Wende, da er die Fähigkeit mit sich bringt, schlimmsten Gefahren ins Auge zu sehen, aber auch, weil er von Hoffnung und dem Streben nach einer besseren Welt angetrieben wird. Er verdeutlicht das Engagement eines Menschen, der seine negativen Gefühle in Ressourcen des Handelns verwandelt. Mut lässt uns die Kluft zwischen Theorie und Praxis überwinden, da er mit starken Affekten wie Angst und Hoffnung verwoben ist. Ein mutiger Mensch fühlt sich in einer katastrophalen Situation nicht machtlos und klagt nicht über sie, sondern übernimmt Verantwortung und beschließt, etwas zu tun, um positive Veränderungen herbeizuführen. Dieser Punkt verdeutlicht auch den Zusammenhang von Mut und Autonomie einerseits und Mut und Verpflichtung andererseits.

Angesichts der ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit hat ein mutiger Mensch keine andere Wahl, als die Repräsentationsweisen und Werte infrage zu stellen, die an ihn weitergegeben wurden und ursächlich sind für ein Entwicklungsmodell, das weder nachhaltig noch fair ist. Solch eine kritische Befragung der moralischen und ontologischen Grundlagen eines Systems, das nicht nur unsere Wirtschaft bestimmt, sondern dem auch unsere Vorstellungswelt unterworfen ist, erfordert geistige Freiheit. Der Emanzipationsprozess, der zu moralischer Autonomie führt, setzt jedoch voraus, dass wir nicht nur bestimmte Werte ablehnen, sondern auch wissen, was von Wert ist für positive gesellschaftliche Veränderungen und daher unsere Wertschätzung verdient.

Der Kampf gegen das vorherrschende Wertesystem, das ursächlich ist für die hemmungslose Ausbeutung der Erde, die Versachlichung der Tiere und die Unterdrückung der eigenen Gefühle, erfordert Mut und die Fähigkeit, sozialem Druck standzuhalten und sich den Kräften zu widersetzen, die die Menschen von der Unmöglichkeit eines Paradigmenwechsels überzeugen wollen. Aber Autonomie setzt auf höchster Ebene sowohl Verantwortung als auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit voraus. Sie beruht auf einem Prozess der Individuation, der das Selbst erweitert und uns der Schicksalsverbundenheit und Verwundbarkeit gewahr werden lässt, die wir mit anderen Menschen und den Tieren teilen.

Die Frage lautet nicht nur: Was brauche ich, um mich zu entfalten und ein gutes Leben führen zu können? Sondern auch: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Mut, nicht gleichzusetzen mit Heldentum, ist daher von Gerechtigkeit inspiriert, verstanden als dem Wunsch, eine bewohnbare Welt zu hinterlassen und, wie Paul Ricœur sagte, „ein gutes Leben, mit Anderen und für sie in gerechten Institutionen“ zu führen.


Corine Pelluchon ist Professorin für Philosophie an der Université Paris-Est-Marne-la-Vallée und wird als Fellow am Programm „The Foundations of Value and Values“ am THE NEW INSTITUTE arbeiten.

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