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Colin Mayer – Care als Praxis

Kiri Dalena, Tungkung Langit (filmstill), 2012, video, color, sound, Camera: John Javellana. Courtesy of the artist. Curatorial's Note

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Colin Mayer – Care als Praxis

Care, verstanden als die Sorge füreinander, ist für menschliche Gefühle und das menschliche Denken von zentraler Bedeutung.

Care verstanden als die Sorge füreinander, ist für menschliche Gefühle und das menschliche Denken von zentraler Bedeutung. Sie ist die Essenz des Menschseins - dass uns das Wohlergehen anderer am Herzen liegt, dass wir für sie sorgen und achtsam mit ihnen umgehen. Sie erstreckt sich auf alles von der Tugendethik bis hin zu Pflichten und Verantwortung.

ist nicht nur ein abstraktes theoretisches Konzept - sie ist von tiefgreifender praktischer Bedeutung. Man verbindet mit ihr gemeinhin die Vorstellung der Abhängigkeit von anderen Menschen und unserem natürlichen menschlichen Instinkt, uns derer, die auf uns angewiesen sind, auch anzunehmen. Mit dem Schwinden des Zusammenhalts der traditionellen Kernfamilien und Gemeinden und damit der Unterstützung, die von ihnen in der Vergangenheit ausging, ist Care zu einem der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige geworden. An die Stelle dieser Form von Unterstützung sind die Professionalisierung der Pflege und Betreuung für sehr junge, kranke und ältere Menschen durch „Care-Worker“ und die Formalisierung der Verfahren getreten, mit denen diese zugeteilt und beurteilt wird.

Die Formalisierung von Pflege und Betreuung als Care-Arbeit leitet sich nicht allein aus der Abhängigkeit anderer Menschen von uns ab, sondern auch aus den Auswirkungen unseres Verhaltens auf sie. Im gleichen Maße, wie die Größe und Bedeutung von Organisationen zunehmen, wächst sowohl ihr Potenzial für positive Ergebnisse als auch schädliche Entwicklungen, während der Druck auf das Führungspersonal steigt, für Erstere zu sorgen und Letztere zu vermeiden. Seinen Niederschlag findet das in der immer stärkeren Regulierung des Verhaltens von Einzelpersonen und Institutionen.

Care verwandelt das individuelle Eigeninteresse in ein auf den Mitmenschen gerichtetes Interesse und Egoismus in Selbstlosigkeit.

Care verbinden wir daher sowohl mit der Lösung von Problemen anderer Menschen als auch dem Bemühen, sie vor diesen Problemen zu bewahren. Doch zeugt die Notwendigkeit, die Verfahren ihrer Zuteilung zu professionalisieren und formalisieren, von einem fundamentalen Versagen der modernen Staaten und ihrer Wirtschafts- und Sozialsysteme, ihren Erhalt und ihre Förderung zu gewährleisten. Care, verstanden als die Sorge für einander, sollte aus dem menschlichen Gefühl der Empathie für diejenigen hervorgehen, die ihrer bedürfen, und nicht durch Regeln und Vorschriften, Überwachung und Kontrolle sichergestellt werden müssen.

Care verwandelt das individuelle Eigeninteresse in ein auf den Mitmenschen gerichtetes Interesse und Egoismus in Selbstlosigkeit. Sie sollte daher selbstverständlich unserem Handeln als Einzelpersonen, Organisationen, Unternehmen, Staaten und Gesellschaften unterliegen. Das ist aber nicht der Fall, und während die Zersplitterung unserer Staaten, der internationalen Ordnung sowie unserer Familien und unseres Gemeinwesens weiter fortschreitet, verschärft sich diese Situation zusehends.

Volkswirtschaften und Gemeinwesen, die Care zu ihren Werten zählen, fördern ein integratives Wachstum, das auch die Interessen derer einbezieht, die ansonsten ausgeschlossen oder zurückgelassen werden. Partizipation und Zugang werden durch Care zu festen Bestandteilen der Entwicklung von Volkswirtschaften und Gemeinwesen, als der natürliche Wunsch derer, die ihren Erfolg genießen, dass auch die ihn haben mögen, denen er noch versagt ist.

We are not taking adequate care of care. Wir vernachlässigen den Schutz und die Förderung dieser wichtigsten aller menschlichen Eigenschaften, indem wir Rationalität den Gefühlen überordnen und den Wert den Werten. Wir beten harte und messbare finanzielle Werte an und verachten weiche und subjektive. Während wir ökonomischen und finanziellen Werten nachjagen, geringschätzen wir Care und die mit ihr verbundenen Werte.

Wir beauftragen stattdessen Menschen mit Pflegeleistungen, die dafür professionell ausgebildet sind. Das wiederum wirft Fragen auf, was die Legitimität des Angebots von Care durch die restliche Bevölkerung betrifft und führt zu einem Teufelskreis, in dem sich die Trennung derer, die mit der Sorge um andere betraut sind, und denen, die zunehmend von deren Ausdruck abrücken, immer weiter verschärft.

Wir ersetzen emotional motivierte Care durch Markttransaktionen, bei denen Care durch einen Vertrag zustande kommt und nicht durch die empfundene Sorge um das Wohlergehen anderer. Daraus folgen zwei politische Ansätze zur Förderung von Care: Markttransaktionen, die durch staatliche Angebote ergänzt werden, oder aber die Stärkung und Aufwertung sozialer Umgebungen, die unserem natürlichen Sinn für die Sorge um andere förderlich sind.
Eine starke Konzentration auf den ersten Ansatz birgt die Gefahr, die Entwicklung des zweiten zu behindern.

In Institutionen und Organisationen sollte Care bereits zu Beginn als zentraler Wert verankert werden. Wir sollten von ihnen verlangen, dass sie ihre Werte benennen und begründen, und dass Care dazugehört. Insbesondere sollten wir die Staaten auf der ganzen Welt dazu anhalten, in ihren Verfassungen das Prinzip zu verankern, dass sie, ihre Bürger, Unternehmen, Organisationen und Institutionen dazu da sind, „sich um das Wohlergehen anderer zu kümmern, insbesondere derjenigen, die am meisten darauf angewiesen sind“.


Colin Mayer ist Professor für Managementstudien an der Said Business School der Universität Oxford und Fellow am THE NEW INSTITUTE, wo er am Programm „The Foundations of Value and Values“ mitarbeitet.

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