Anna Katsman

FAKULTÄT FÜR PHILOSOPHIE,

THE NEW SCHOOL (NYC)

by Sabine Vielmo

Anna Katsman promovierte im Frühjahr 2021, in Philosophie an der New School for Social Research in New York ab. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit der komplexen Frage, wie Hegels Phänomenologie des Geistes eine Einleitung zu seiner Wissenschaft der Logik darstellt. Als Lehrbeauftragte unterrichtete sie am Eugene Lang College Seminare in antiker Philosophie und Ästhetik. Ihr Aufsatz „Finding Freedom in the Family“ wurde 2013 in der Zeitschrift Women in Philosophy veröffentlicht. Anna Katsman ist derzeit geschäftsführende Herausgeberin von Political Concepts. Von 2014 bis 2018 war sie Mitorganisatorin des New Yorker Workshops über Deutschen Idealismus. Wir freuen uns darauf, Anna Katsman im Programm „The Foundations of Value and Values“ am THE NEW INSTITUTE begrüßen zu dürfen.


Ausgewählte Publikationen

  • „Finding Freedom in the Family“, Women in Philosophy Journal, 2013

Kontakt

anna.katsman@thenew.institute


Was gibt Dir Hoffnung?

Die Bemühungen sich zusammenschließender Menschen, ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen zu verändern, geben mir Hoffnung. Hier sind für mich einige beispielhafte Wegweiser der Hoffnung aus der Geschichte: Die Aufklärung, im Windschatten der wissenschaftlichen Revolution, forderte sowohl traditionelle als auch natürliche Formen des Herrschens heraus und führte die moderne Idee ein, dass Vernunft durch sich selbst bestimmt wird. Die Bürgerrechtsbewegungen der 1950er und 1960er Jahre zeigten, wie Massenproteste, Demo-Märsche, Aktionen zivilen Ungehorsams, Streiks, inspirierende politische Persönlichkeiten und eine öffentliche Bewusstseinsbildung auf institutioneller, rechtlicher und politischer Ebene mehr Gleichstellung von Schwarzen und People of Colour erwirken konnten. Die Chipko-Bewegung und die Proteste gegen die Dakota Access Pipeline in Standing Rock zeigten auf, wie Aktivist*innen, sofern sie gut organisiert sind, die Logik umweltschädlicher und nicht nachhaltiger extraktivistischer Wirtschaftspraktiken in Frage stellen können. Die Programme gegenseitiger Hilfsleistungen der Black Panther, von den Essensausgaben bis zu den Gesundheitskliniken, stellten alternative Formen der gemeinschaftlichen und selbstbestimmten Verteilung von Ressourcen dar. Dann gibt es Texte und Kunstwerke, die unser Selbstverständnis verändert, unsere impliziten Werte in den Mittelpunkt gerückt und unserem Wissen emotionale Tiefe verliehen haben: Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Phänomenologie des Geistes, Beauvoirs Das zweite Geschlecht, Picasso, Baldwin, Beckett...

Wie gelingt Veränderung?

Gesellschaftlicher Wandel findet auf verschiedenen Ebenen statt: entlang politischer Strukturen, sozialer und ethischer Beziehungen, durch technologische Ausformungen, soziale Eigentumsverhältnisse, internationale geopolitische Beziehungen, öffentliche Meinung, Wirtschaftspolitik, und so fort. Veränderte Lebensweisen können durch wissenschaftliche Entdeckungen, politische Spannungen, ökologische Erfordernisse, wirtschaftliche Anforderungen und soziale Kämpfe ausgelöst werden. Einige Veränderungen finden innerhalb der strukturellen Bedingungen einer Lebensart statt und lassen sich mit deren Bedingungen vereinbaren, während andere eine Veränderung der Lebensart selbst erfordern. Wesentliche Veränderungen sind oft chaotisch, unterliegen der Unberechenbarkeit von Eventualitäten und verlaufen nicht ohne komplexe soziale Konflikte und Kämpfe. Wie man den Wandel und insbesondere die Rationalität des Wandels beschreibt, hängt davon ab, welche Ebene des Wandels man zu erklären versucht. Trotz dieser Komplexität lässt sich indes wohl der folgende Grundsatz herausarbeiten: Der Wandel wird durch Krisen und Widersprüche hervorgerufen, die in der Fähigkeit einer Lebensform entstehen, sich selbst zu reproduzieren. Wobei die soziale Reproduktion das Zusammenspiel zwischen objektiven strukturellen Bedingungen (z. B. politische, wirtschaftliche und internationale Beziehungen) und den subjektiven Werten, Normen und Verpflichtungen, die eine Lebensform zusammenhalten, beinhaltet.Dieser Denkansatz ist besonders vielversprechend darin, die Logik sozialen Wandels zu erklären, weil er neue soziale Praktiken und Institutionen als Reaktion auf das Versagen der Lebensart, aus denen sie hervorgegangen sind, umzudeuten versucht.

Weshalb bist Du ans THE NEW INSTITUTE gekommen?

Um auf die vor uns liegenden Herausforderungen zu reagieren, müssen wir meiner Meinung nach an der Schaffung von Institutionen mitwirken, welche:

  1. Wissen mit dem expliziten Ziel produzieren, einen fortschrittlichen sozialen Wandel herbeizuführen.
  2. die Barrieren innerhalb des akademischen Denkens, wie z.B. die Arbeitsteilung zwischen den Disziplinen, abbauen.
  3. eine wechselseitige Beeinflussung zwischen akademischer Forschung und politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen herstellen.
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