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PHOTO BY RAINER CHRISTIAN KURZEDER

„Die Gesellschaft wird sich verändern müssen – oder sie ist verloren: Andreas Malm über Covid und Klima

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Covid und der Klimakrise?

Sie hängen auf mehreren verschiedenen Ebenen zusammen. Covid, also SARS-Cov-2, ist nur eines von vielen Beispielen der letzten Jahre für neu auftretende Infektionskrankheiten, die aus dem Tierreich auf menschliche Populationen überspringen. Diese Entwicklung hängt mit einer ganz ähnlichen anderen Entwicklung zusammen, nämlich den steigenden Temperaturen. Beide sind Teil der gleichen ökologischen Krise: Man könnte sie als globale Erkrankung und globale Erwärmung bezeichnen

Worin genau besteht der Zusammenhang?

Die Pandemie und die Klimakrise haben gemeinsame treibende Faktoren, vor allem die Entwaldung, die der weltweit zweitwichtigste Treiber für Treibhausgasemissionen ist. Die globale Erwärmung wird zu mehr zoonotischen Übertragungen führen, sie wird Tiere zur Migration zwingen, darunter auch Fledermäuse, die Viren in sich tragen. Sie kommen mit menschlichen Populationen in Kontakt, mit denen sie bis dahin noch nie in Berührung gekommen waren. Wenn wir weitere Pandemien vermeiden wollen, müssen wir die Entwaldung stoppen und die globale Erwärmung bekämpfen.

Was ist die eigentliche Ursache der beiden Krisen?

Der Grund ist die Unterwerfung der Natur, wie wir sie aktuell betreiben und wie sie für den Kapitalismus charakteristisch ist – der Zwang des Kapitals, wilde Natur in Felder für die Produktion von Waren zu verwandeln. Und die Natur und die materielle Produktion mit der Waffe der fossilen Brennstoffe zu beherrschen, die dem Kapital die Steuerung der Materialflüsse in einem Ausmaß ermöglicht, das mit den erneuerbaren Energien, die den fossilen Brennstoffen vorausgingen, nicht denkbar war.

Die Gesellschaft wird sich also verändern müssen, will sie nicht einfach dazu verdammt sein, immer weitere solcher Katastrophen zu erleben.

Ist die Covid-Pandemie das Zeichen dafür, dass wir eine Belastungsgrenze erreicht haben?

Es ist ein chronischer Notstand. Das bedeutet aber nicht, dass der Zustand stabil ist. Die globale Erwärmung ist per Definition kumulativ, ein naturgemäß sich verschärfender Prozess. Es wird schlimmer, bis der Prozess gestoppt und ihm entgegengewirkt wird. Wir können in diesem Zustand nicht ewig weiterleben. Das System der Wirtschaft setzt dem System der Natur mit einer Vehemenz zu, die zwangsläufig zu dessen Zusammenbruch führt. Die Gesellschaft wird sich also verändern müssen, will sie nicht einfach dazu verdammt sein, immer weitere solcher Katastrophen zu erleben.

Gerade zu Beginn der Pandemie war oft zu hören, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen sei. Gibt es Lehren, die man aus dieser Zeit ziehen kann?

Eine Lektion ist, dass Staaten sehr wohl dazu in der Lage sind, das business as usual außer Kraft zu setzen und dramatische Eingriffe ins Privateigentum und in die Märkte vorzunehmen und bestimmte Wirtschaftsaktivitäten zum Erliegen zu bringen, da sie fatale Auswirkungen haben. Das ist eine echte Lektion, die die Klimabewegung und ihre Verbündeten fortan bei der Werbung für ihre Sache nutzen sollten. Auf der anderen Seite wurde die Hoffnung, dass ein Weg aus der Coronakrise über die Abkehr von fossilen Brennstoffen und grundsätzlich die Erholung der Natur führen könnte, bisher enttäuscht. Wenn man die Berichte darüber liest, dass die G-20-Volkswirtschaften weiterhin 50 oder 60 Prozent mehr Geld in fossile Brennstoffe als in erneuerbare Energien stecken, wird einem klar: Die aktuelle Krise scheint eine weitere verpasste Chance zu sein.

Wie könnte man das ändern?

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen und dem ewigen business as usual kann nicht ohne Initiativen aus der Zivilgesellschaft und das Engagement verschiedener Bewegungen gelingen – wobei letztere es während der Pandemie besonders schwer hatten, da alle eingesperrt in ihren Häusern saßen. Es war extrem schwer, die Chance dieser Krise zu nutzen.

Lässt sich etwas darüber lernen, wie aus politischem Protest politisches Handeln folgen kann?

2019 hat uns bis zu einem gewissen Grad vorgeführt, dass es möglich ist. Die wichtigste Entscheidung des Jahres 2019 war in Deutschland die Einigung der Kohlekommission. Selbst wenn das Jahr 2038 als Ausstiegsdatum für die Klimabewegung völlig inakzeptabel ist, war allein die Tatsache, dass es die Kohlekommission mit ihrem Beschluss und den anschließenden Debatten gab, ein Erfolg – und der ist unmittelbar auf die Mobilisierung durch „Ende Gelände“ und andere Bewegungen zurückzuführen.

Wie kann man die Energie solcher Bewegungen in wirkliche Veränderungen überführen?

Das ist die Eine-Million-Euro-Frage. Wie wendet man sich an den Staat? Wie kann man sicherstellen, dass die eigenen Forderungen im Staatsapparat ankommen? Geht man den Weg über die Kandidatur fürs Parlament, gewinnt Sitze und wird so selbst zum Staat? Oder steht man draußen vor der Tür und klopft an, um von denen drinnen – wer auch immer das ist – eine Änderung ihrer Politik zu fordern? Ich kann da leider kein Patentrezept anbieten.

In Ihrem Buch über Covid sprechen Sie von „Kriegskommunismus“ und „ökologischem Leninismus“: Könnten Sie diese Begriffe kurz erläutern?

Das Konzept des ökologischen Leninismus bildet einen Kontrast zur reformistischen Sozialdemokratie alter Schule auf der einen Seite und zum Anarchismus auf der anderen. Ich habe argumentiert, dass beide für die gegenwärtige Situation ungeeignet sind. Die klassische Sozialdemokratie ist vor allem wegen ihrem Zeitverständnis unzureichend, da die Grundannahme des sozialdemokratischen Reformismus von Bernstein bis hin zur schwedischen Sozialdemokratie immer war, dass Veränderungen graduell, langsam und schrittweise vorgenommen werden können, da wir Zeit zur Verfügung und die Geschichte auf unserer Seite haben – wir haben aber keine Zeit zur Verfügung. Wir brauchen gewaltige, abrupte Veränderungen.

Und der Anarchismus?

Der Anarchismus wiederum ist per Definition staatsfeindlich. Ich glaube aber nicht, dass echte Lösungen für die gegenwärtigen Krisen überhaupt denkbar sind ohne den Staat als zentralem Akteur. Der Leninismus dagegen hat keines der beiden Probleme, weil er in erster Linie aus einem Gefühl der Dringlichkeit und Ungeduld heraus agiert. Lenin betonte in der zweiten Jahreshälfte 1917 wieder und wieder: „Ein weiterer Aufschub wäre fatal, wir müssen die Provisorische Regierung stürzen, wir können nicht mehr warten.“

Wie lässt sich das auf die Gegenwart übertragen?

Das lässt sich ganz einfach in den gegenwärtigen Kontext übertragen. Das strategische Ziel der Klimabewegung, der Linken, der progressiven Kräfte, muss es sein, die Krisen der Symptome in Krisen der Ursachen und Verursacher zu verwandeln. Der extrem heiße und trockene Sommer des Jahres 2018 muss zum Beispiel in eine Krise der fossilen Brennstoffe und der fossilen Brennstoffindustrie verwandelt werden. Im Falle der gegenwärtigen Pandemie müsste es unsere Aufgabe sein, sie in eine Krise für die Unternehmen zu verwandeln, die für die Entwaldung verantwortlich sind. Bisher ist das nicht geschehen.

Eine letzte Frage. Könnten Sie diesen Satz vervollständigen: Für mich ist es etwas Persönliches, weil –

– ich so nicht leben will. Die Verluste, vor denen wir selbst als ziemlich privilegierte Menschen stehen, sind erheblich. Ein Leben ohne Schnee, zum Beispiel, ist natürlich nicht sinnlos oder unerträglich, aber es wäre ein großer Verlust. Vor allem für die Kinder.


Andreas Malm arbeitet als Humanökologe und Klimahistoriker an der Universität Lund

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