• Julia Scher, Security By Julia, 2018, Photo © Andrea Rossetti

  • Philippe Parreno, Bioreactor and probes, 2018, Photo © Andrea Rossetti

  • Pierre Huyghe, Influenced, 2011 (left); CDC/ Dr. Terrence Tumpey (right)

  • General Idea, Imagevirus, 1989-1991; Photo © Andrea Rossetti

  • Etienne Chambaud, Fever (Deep Sky Borreliosis), 2019; Photo © Ola Rindal

  • David Claerbout, Wildfire (meditation on fire), 2019-2020

  • David Claerbout, Wildfire (meditation on fire), 2019-2020, Photo © Dominique Provost

  • Andrew Grassie, Giraffe, 2020, Photo © Andrew Grassie

  • Hito Steyerl, Virtual Leonardo’s Submarine, 2020

  • General Idea, Playing Doctor, 1993

  • Simon Fujiwara, A Year of Magic, 2020

COVID SPECIAL | 22.12.2020

Gemeinsam schaffen wir das: Ein Versuch, über das Unerwartete nachzudenken – das Jahr der Pandemie.

Es ist nicht leicht, ein einfaches Fazit des vergangenen Jahres zu ziehen. Heftig, beängstigend, anstrengend war dieses Jahr; resilient, heroisch, hilfsbereit waren die Menschen. 2020 war ein Ausreißer, eine Unterbrechung der stetig zunehmenden Beschleunigung, aber eben auch nicht mehr als das – kehrt bald alles zur Normalität zurück? Oder wird 2020 nachhaltige Auswirkungen haben, die auch nach den gegenwärtigen Ereignissen prägend bleiben?

Wir haben Expert*innen aus verschiedenen Bereichen gebeten, über das Geschehene nachzudenken: Was das Jahr zu bedeuten hat und welche Auswirkungen 2020 auf die Zukunft haben könnte. Lesen Sie hier, was sie geantwortet haben – wir hoffen, dass wir damit zum Verständnis dieser turbulenten, beängstigenden und hoffnungsvollen Zeit beitragen können.

Die Kunst zu diesem Covid Special hat die Berliner Galleristin Esther Schipper für uns kuratiert – das Virus, das sieht man an dieser Auswahl, ist schon lange unter uns.



Covid und Daten

— Audrey Tang, Digital-Ministerin Taiwans


Covid und Demokratie

— Christoph Möllers, Professor für Verfassungsrechts, Humboldt Universität zu Berlin, und Senior Advisor THE NEW INSTITUTE


Covid und Ökologie

— Corine Pelluchon, Professorin für Philosophie, Universität Gustave Eiffel, Paris, künftiger Fellow THE NEW INSTITUTE


Covid und Kunst

— Esther Schipper, Galeristin, Berlin


Covid und Kapitalismus

— Evgeny Morozov, Tech-Autor und Herausgeber von The Syllabus


Covid und Klima

— Andreas Malm, Klima-Historiker, Universität Lund


Covid und der Westen

— Pankaj Mishra, Schriftsteller, London


Covid und der Osten

— Yuk Hui, Philosoph, Berlin / Hong Kong


Covid und sozialer Wandel

— Geoff Mulgan, Professor UCL und Senior Advisor THE NEW INSTITUTE


Covid und Unsicherheit

— Wilhelm Krull, Gründungsdirektor THE NEW INSTITUTE

(Interview bislang nur auf Englisch)


Covid und Trauer

— Eugen Baer, Senior Fellow THE NEW INSTITUTE



Während viele Länder auf der ganzen Welt täglich neue Höchstwerte bei den Covid-Neuinfektionen verzeichnen, hat Taiwan eine andere Art von Rekord aufgestellt – mehr als 200 Tage ohne eine einzige lokale Infektion. Was hat die Insel mit 23 Millionen Einwohnern richtig gemacht? Experten sind der Ansicht, dass die frühzeitige Schließung der Grenzen und die strenge Regulierung des Reiseverkehrs wesentlich zur Eindämmung des Virus beigetragen haben und die Bevölkerung sich aufgrund der tödlichen Erfahrung der SARS-Pandemie 2002/2003 an die Vorschriften hielt.

Im Gespräch mit THE NEW INSTITUTE nennt Taiwans Digitalministerin Audrey Tang aber noch einen anderen Grund für die erfolgreiche Kampagne des Landes gegen die Verbreitung des Virus. „Wir sehen die Demokratie selbst als eine Technologie, eine angewandte Sozialtechnologie. Die Verfassung verstehen wir als etwas, das man optimieren und verändern kann – wir haben sie bereits fünf Mal überarbeitet und erwägen gerade einen weiteren Eingriff“, sagt Tang und hebt damit die Flexibilität und das in der Bevölkerung verbreitete Verantwortungsbewusstsein fürs Gemeinwohl hervor. „In gewisser Weise unterscheidet sich die Demokratie nicht wesentlich von der Halbleitertechnik – jeder kann sie verbessern.“

In den vergangenen Monaten bildeten die frühzeitig getroffenen Maßnahmen asiatischer Länder zur Eindämmung des Virus einen starken Kontrast zum Kampf mit steigenden Infektionszahlen in Europa. Insbesondere nach der ersten Welle zu Beginn des Jahres haben die Länder im asiatisch-pazifischen Raum – darunter Neuseeland und Vietnam sowie Taiwan, Südkorea und China – die Zahl der Covid-Infizierten drastisch gesenkt und mit strengen Kontrollen ein Wiederaufflammen der Pandemie verhindert. Während man in Europa in die Sommerferien fuhr, wurden in Asien die Einschränkungen des internationalen Reiseverkehrs aufrechterhalten.

Die Notwendigkeit, sich auf die Pandemie einzustellen, hat jedoch inzwischen auch in Europa zum Start verschiedener akademisch angelegter Projekte geführt, deren Ziel die Überwindung der Kluft zwischen wissenschaftlicher Forschung und tatsächlichem sozialen Wandel ist. Geoff Mulgan, Professor am UCL und Senior Advisor bei THE NEW INSTITUTE, ist Teil des Teams, das eine vom Economic and Social Research Council (ESRC) mit zwei Millionen Pfund finanzierte Kollaboration verschiedener Institutionen leitet, deren Ziel die effizientere Nutzung von Ressourcen aus Politik und Wissenschaft zur Milderung der gravierendsten sozialen Auswirkungen der Covid-Pandemie und der möglichst rasche Wiederaufbau Großbritanniens ist. Für THE NEW INSTITUTE hat er darüber hinaus die Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels im 21. Jahrhundert skizziert.

Im Gespräch mit THE NEW INSTITUTE führt der in Berlin und Hongkong lebende Philosoph Yuk Hui die unterschiedlichen Reaktionen auf die Pandemie in Ost und West auf tief verwurzelte Vorstellungen von politischen Freiheiten zurück. „Im konfuzianischen oder taoistischen Denken kommt die westliche Vorstellung von Freiheit als politischer Freiheit nicht vor. Das geht auf die sozialpolitischen Strukturen des Kaiserreiches und den Kaiser zurück – die Individuen sind dem Kaiserreich untergeordnet. Freiheit gibt es nur als etwas innerlich Empfundenes, zu dem man Zugang durch die Kunst, die Dichtung, die Malerei, oder auch durch das Essen findet.“

Eine weitere Perspektive auf die Auswirkungen der Pandemie in der westlichen Welt, insbesondere aber der Wahrnehmung des Westens durch andere Länder, eröffnet das Gespräch mit dem indischen Essayisten und Romancier Pankaj Mishra. „Ich glaube, dass man zurückblickend zur Einschätzung kommen wird, dass die Pandemie einen Prozess beschleunigt hat, der bereits weit fortgeschritten war – der Verlust der ideologischen und intellektuellen Hegemonie des Westens. Der materielle Niedergang hatte schon lange vorher begonnen, aber die Hegemonie hatte in den Jahren dieses Niedergangs noch Bestand.“

Mishra meint, dass zukünftig mehr Menschen in der Lage sein werden, die Realität des Westens von seiner Rhetorik zu unterscheiden: „Wie ist es möglich, dass ein Schwarzer so getötet werden konnte wie George Floyd? Ich glaube nicht, dass Texte über die Aufklärung oder die edle Gesinnung der Gründerväter hier weiterhelfen werden.“

In den letzten Monaten ist uns bewusst geworden, dass wir im Grunde vor einer „doppelten Krise“ stehen. Sowohl die Covid-Pandemie als auch die Erderwärmung sind Phänomene, die das Leben von Millionen von Menschen bedrohen und für die es klare wissenschaftliche Lösungsansätze gibt, die aber von den Regierungen im Großen und Ganzen eher zögerlich umgesetzt werden. Wilhelm Krull, Gründungsdirektor von THE NEW INSTITUTE, schreibt, dass die Öffentlichkeit in Krisenzeiten in verstärktem Maße auf Expertise angewiesen ist, um die Probleme bewältigen zu können: „Im Hinblick auf die kommenden Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre, sollten wir die Ziele der universitären Forschung stärker auf das Gemeinwohl ausrichten.“

Ein offenkundiger Zusammenhang zwischen den beiden großen Krisen unserer Zeit besteht darin, dass die Zerstörung der Biodiversität die Wahrscheinlichkeit von Pandemien erhöht.

Andreas Malm, Klimahistoriker an der Universität Lund, hebt diesen Punkt im Gespräch mit THE NEW INSTITUTE hervor: „Die Pandemie und die Klimakrise haben teils die gleichen treibenden Faktoren, vor allem die Entwaldung, die der weltweit zweitwichtigste Treiber für Treibhausgasemissionen ist. Die globale Erwärmung wird zu mehr zoonotischen Übertragungen führen, sie wird Tiere zur Migration zwingen, darunter auch Fledermäuse, die Viren in sich tragen. Sie kommen mit menschlichen Populationen in Kontakt, mit denen sie bis dahin noch nie in Berührung gekommen waren.“

Während die Covid-Pandemie ein universelles, globales, alle Menschen betreffendes Phänomen ist, ist sie auch ein zutiefst persönliches, denn sie befällt ein Wesen, das als das intimste und individuellste empfunden wird – den Körper. „Unsere Verletzlichkeit hängt mit unserer Körperlichkeit zusammen – damit, dass wir uns ernähren müssen, von Luft, Wasser und ähnlichen Faktoren abhängig sind“, sagt Corine Pelluchon im Interview mit THE NEW INSTITUTE.

Die Professorin für Philosophie an der Université Gustave Eiffel (Marne-la-Vallée), demnächst auch Fellow am THE NEW INSTITUTE, hat diese Beobachtung in ihrem Buch „Nourishment“ zur Grundlage für die Entwicklung einer angewandten Ethik gemacht, ein Denken, das sie in ihrem neuen Buch „Les Lumières à l’age du vivant“ (Januar 2021) weiter entwickelt. Menschsein bedeutet für Pelluchon im Kern die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Abhängigen, einem Kollektiv von Lebewesen, das am Leben bleibt, weil es erhält, wovon es lebt – in diesem ausgesprochen körperlichen Denken gründet ihre Ethik. Und damit auch ihr Freiheitsverständnis: „Wir können den Menschen nicht durch seine Freiheiten verstehen. Freiheit ist wichtig – aber unsere Abhängigkeit von der Natur und allen anderen Wesen erhellt erst, was den Menschen ausmacht.“

Christoph Möllers, Professor für Verfassungsrecht an der Humboldt-Universität Berlin und Senior Advisor des THE NEW INSTITUTE, fügt dieser Perspektive weitere Gesichtspunkte hinzu. Er betont, dass die Pandemie möglicherweise zum Wandel gängiger Freiheitsvorstellungen in der Gesellschaft beitragen könnte, da aus einer abstrakten Bedrohung (die Folgen einer nicht-nachhaltigen Lebensweise) eine konkrete Realität (der Ausbruch eines neuartigen Virus) geworden sei: „Wir sprechen jetzt schon seit Jahrzehnten über Nachhaltigkeit – aber diese Krise hat uns gelehrt, dass Nachhaltigkeit etwas sehr Konkretes ist. Es geht dabei nämlich eigentlich um die eigene Freiheit. Sie ist nichts Abstraktes. Es geht darum, dass wir unser Zuhause nicht verlassen können und gewissermaßen eingesperrt sind – weil wir nicht nachhaltig genug gedacht haben. Das ist eine wichtige Lektion.“

Esther Schipper will diese Lektion zukünftig zu einer Leitlinie des Handelns machen. Im Gespräch mit THE NEW INSTITUTE beschreibt die in Berlin lebende Galeristin die Doppelmoral, die die Lockdown-Maßnahmen sichtbar gemacht haben: „Es war wirklich schizophren: Man konnte politisch extrem besorgt über den Klimawandel sein und mit Künstlern zu solchen Themen arbeiten – und gleichzeitig alle zwei Wochen im Flugzeug über den Atlantik jetten. Corona hat uns endlich klar gemacht, dass es an der Zeit ist, unsere Arbeit auf eine andere Grundlage zu stellen.“

Während die Covid-Pandemie für viele ein Wendepunkt war und zu grundlegenden Veränderungen in den verschiedensten Bereichen geführt hat, bleibt Einiges auch beim Alten. Im Gespräch mit THE NEW INSTITUTE sagt Evgeny Morozov, Tech-Kritiker und Herausgeber des Newsletter-Formats „The Syllabus“ (LINK): „Ich glaube nicht, dass wir durch Corona irgendetwas über den Kapitalismus erfahren haben, was wir vorher noch nicht wussten – ein System, das bestimmte Prioritäten setzt, die in erster Linie den Prinzipien der Profitabilität und Kostensenkung folgen. Im Fall von Covid-19 zeigte sich das in den Debatten zur Frage, was als systemrelevante Arbeit zählt und was nicht. Die Allokation und Verteilung von Wert im Kapitalismus trat in den Vordergrund. Die Reichen wurden reicher, ja, und ich kann das auch als moralisch empörend empfinden – aber intellektuell fand ich das wenig erhellend.“

Während sich das Jahr dem Ende zuneigt, sind wir hin- und hergerissen zwischen Trauer und Hoffnung. Die Ikonographie der Pandemie hat nichts von ihrer brutalen, dunklen Gewalt verloren. Kühltransporter vor Krankenhäusern, um darin die Verstorbenen einzulagern. Bilder von Massengräbern, die in aller Schnelle von Arbeitern in Schutzanzügen ausgehoben werden. Sterbenskranke, die sich über iPads, die in abwaschbare Plastikfolie gewickelt sind, von ihren Angehörigen verabschieden und isoliert sterben.

Eugen Baer, Senior Fellow am THE NEW INSTITUTE, schreibt (LINK): „Und je mehr dieser Geschichten erzählt und gehört werden, desto bewusster wird uns, dass wir in dieser Pandemie unserem Schmerz ohne die Mittel des Trostes überlassen sind, auf die viele sonst bei der Trauerbewältigung zurückgreifen; seien es Umarmungen, eine Schulter, an der wir uns ausweinen können, das Händehalten oder die Anwesenheit beim Prozess des Sterbens, Abschiedsrituale, Erinnerungen an letzte Worte.“

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