FOTO VON MAURIZIO CATTELAN & PIERPAOLO FERRARI

Maurizio Cattelan, Pierpaolo Ferrari, Toiletpaper Magazine 15, 2017

Maurizio Cattelan ist einer der wichtigsten Gegenwartskünstler, er hat ein scharfes Auge für Politik und einen beißenden Humor. Eines seiner berühmtesten Kunstwerke zeigte den Papst, der von einem Kometen niedergestreckt wurde. Eine seiner Skulpturen ist ein knieender, jungenhafter Hitler. Er montierte Pferdekörper so an eine Wand, dass ihre Köpfe darin verschwanden. 2010 hatte er gemeinsam mit dem Fotografen Pierpaolo Ferrari die Idee für “Toiletpaper“, ein Magazin, das zweimal im Jahr erscheint und ganz aus Bildern besteht, keine Worte, eine optische Mischung aus surrealer Pop-Schönheit und eine Erkundung der Widersprüche unserer konsumistischen Welt. In unseren Zeiten des Hyperrealen und des Surrealen, des Offensichtlichen und des Verschwommenen nutzen Cattelan and Ferrari das Mittel der Übertreibung; wir sehen das Drama der Gegenwart in seinem Entstehen.

THE FUTURE OF DEMOCRACY

Welche Reformen braucht eine zukunftsfähige Demokratie?

Das Programm „The Future of Democracy“ nimmt die gegenwärtigen Herausforderungen des demokratischen Systems als Ausgangspunkt. Ziel ist das Konzept einer neuen Form von Demokratie, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wird und sich in Zukunft verändern kann.


  • Wie können wir den demokratischen Diskussionsprozess stärken?
  • Wie können wir Entscheidungsfindung an der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft verbessern?
  • Wie können wir die soziale und politische Kommunikation im digitalen Zeitalter gestalten?
  • Wie können wir die politische Repräsentation neu entwickeln?

Viele unserer Regierungsinstitutionen und -abläufe wurden vor vielen Jahrzehnten eingeführt. Seitdem haben sich die sozialen, kulturellen und technologischen Bedingungen grundlegend verändert – und die politisch Verantwortlichen haben es versäumt, demokratische Institutionen und Prozesse zu erneuern und sie den neuen Umständen anzupassen. Vor diesem Hintergrund stehen die Legitimation und Funktionsweise der traditionellen parlamentarischen Demokratien und ihre Institutionen in Frage. Aber ist die Demokratie wirklich zu langsam, um auf Krisen zu reagieren, zu sehr auf Konsens ausgerichtet, zu abhängig von den dominierenden Medien und Lobbygruppen?

Wir widmen uns sowohl dem aktuellen Zustand als auch der Zukunft der Demokratie. Wir untersuchen, wie die Demokratie langfristig neu gestaltet werden kann. In den vergangenen Jahrhunderten hat die Demokratie unterschiedliche Formen angenommen. Nun aber scheint es Zeit zu sein für eine grundlegende Transformation, um die demokratischen Entscheidungsfindungsprozesse und die damit verbundenen Institutionen fit für die Zukunft zu machen – besser den Umständen angepasst, gerechter und nachhaltiger. Wie können wir demokratische Gemeinschaften stärken, Beteiligung fördern und die demokratischen Institutionen modernisieren? Wie können wir bestehende politische Strukturen und Zusammenhänge neu definieren, damit sie anschlussfähig bleiben und Gleichheit und Umweltschutz verpflichtet sind?

Wir werden untersuchen, wie Bürger*innenbeteiligung, politische Institutionen und die parlamentarische Repräsentation in Zukunft tragfähig weiterentwickelt werden können. Die daraus resultierenden Vorschläge werden im Rahmen des Programms untersucht – unter der Maßgabe, dass sie das langfristige Wohlergehen der Gesellschaften fördern sollen. Dabei setzen wir immer auf rationale Argumente und die systemische Analyse von Komplexität, Stärken und Schwächen der gegenwärtigen Demokratien und ihrer jeweils sehr unterschiedlichen Entwicklungen.

Die folgenden Themen sind für uns besonders relevant:

Die Stärkung der deliberativen Demokratie

Damit sich demokratische Systeme weiterentwickeln können, müssen möglichst viele Möglichkeiten der aktiven Bürger*innenbeteiligung sichergestellt sein. Es ist deshalb dringend notwendig, neue Formen zukunftszugewandter Debatten- und Beratungsstrukturen zu institutionalisieren. Dazu gehören etwa Bürger*innenversammlungen, Bürger*innenräte und Foren für bürgerschaftlichen Streit (und das schließt Elemente des bürgerlichen Ungehorsams ein). Wie können aus der erodierenden Basis der Parteien und aus politischen Bewegungen, die sich den drängendsten sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Herausforderungen stellen, überzeugende Visionen für nachhaltig reformierte Gesellschaften entstehen?

Den Einsatz von sozialen Medien und der Online-Kommunikation neu gestalten

Anonymität, Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), algorithmischer Inhalt und die täuschende Interaktion mit sozialen Bots beeinflussen den Informationsfluss und die damit verbundenen Debatten. Statt durch Fakten werden die sozialen Medien und die Online-Kommunikation vielfach durch Emotionen und Wut dominiert. Andererseits bieten die sozialen Medien auch die digitale Möglichkeit zur institutionalisierten Form der Bürger*innenbeteiligung und Einbindung in den Entscheidungsprozess. So können etwa Hackathons parlamentarische Prozesse sowie die Entscheidungsfindung von Regierungen unterstützen. Wie können IT-Lösungen am besten gefördert und umgesetzt werden, um Deliberation voranzutreiben? Sollten wir transsektorale politische Kommunikation und Mobilisierung fördern, um die künftige Entwicklung unserer Gesellschaften positiv zu beeinflussen? Welche Gesellschaftsbilder können wir entwerfen, um einen nachhaltigen Lebensstil zu unterstützen? 

Verbesserte Entscheidungsprozesse

Komplexe Probleme wie Klimawandel oder zunehmende soziale Ungleichheit zeichnen sich durch große Ungewissheit und starke Wechselwirkungen aus. Wie können wir also Beratungsstrukturen verbessern, Open-Government-Plattformen schaffen und weitere innovative Ansätze fördern – immer mit dem Ziel, in einem co-kreativen Prozess Lösungen für Interessenskonflikte zu finden. Welche Art von Experimenten sollen unternommen werden, um die neuen Möglichkeiten institutioneller Veränderungsprozesse und die nachfolgenden Reformen aufzuzeigen?

Zukunft der politischen Repräsentation

Jede politische Organisationsform, selbst wenn sie nicht demokratisch ist, nimmt für sich in Anspruch, repräsentativ zu sein für die politische Gemeinschaft, die regiert wird. Es ist zwar eine Grundannahme der demokratischen Regierungsform, dass Konflikte innerhalb des repräsentativen Rahmens gelöst werden können – aber diese Fähigkeit zur Repräsentation selbst ist mehr und mehr umstritten. Gründe dafür sind etwa die Fragmentierung der öffentlichen Meinung, stark polarisierende Themen und solche, die nicht eindeutig den bestehenden politischen Lagern zugeordnet werden können (so wie beispielsweise der Klimawandel). Darüber hinaus ist die Unterrepräsentation von Frauen ein ebenso ernstes Problem wie die mangelnde Abbildung der Dimensionen gesellschaftlicher Vielfalt. Gleichzeitig produzieren Wahlsysteme aufgeblähte Parlamente (Deutschland) oder ignorieren demokratische Mehrheiten (die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016). All das legt es nahe, dass die Organisation der demokratischen Repräsentation grundlegend überdacht werden muss. Ernstgemeinte Antworten müssen dabei das Grundsätzliche mit dem Praktischem verbinden und demokratische Grundrechte – wie etwa Gleichheit vor dem Gesetz – mit komplizierten Fragen nach sozialen Identitäten und den jeweils spezifischen Problemen der Wahlsysteme in Beziehung setzen.  

Wir werden führende Denker*innen und Praktiker*innen zusammenbringen, verbunden in dem Ziel, die Demokratie vielseitiger zu gestalten, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angemessen begegnen zu können.


Ausschreibung ist geschlossen (06.01.2021)

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